Martin Ebner über das Priestertum

"Jesus war nicht der erste Priester"

Der "Synodale Weg" der katholischen Kirche in Deutschland diskutiert in den kommenden Tagen wieder über Themen wie Zölibat und die Zukunft des Priesteramts. Der Theologe und Priester Martin Ebner erklärt im Interview, wie es in der Kirche zu einer "Überhöhung" des Klerikerstandes kam und was das Neue Testament zum Priestertum sagt.

Priester bei der Wandlung © lightpoet - stock.adobe.com

mk online: Herr Professor Ebner, im Münchner Erzbistum findet dieses Jahr keine Priesterweihe statt, der Priestermangel verschärft sich deutschlandweit immer mehr. Ist die Kirche ohne Priesternachwuchs dem „Untergang“ geweiht?

Martin Ebner: Keineswegs. Ich sehe darin ein „Zeichen der Zeit“. Etwas fromm gesprochen: Gott zwingt die katholische Kirche, besser: die Klerikerkirche, sich vom Priester zu verabschieden, sich auf ihre Ursprünge zu besinnen und den Weg zu gehen, der bereits begonnen wird: Frauen und Männer gestalten als Getaufte in Eigenverantwortung ihr Gemeindeleben, die Organisation genauso wie die Gottesdienste.

Warum braucht die Kirche aus theologischer Sicht Priester, um weiter zu existieren – oder ist diese Annahme ein Trugschluss?

Ebner: Diese Annahme ist nicht nur ein Trugschluss, sie ist auch nicht mehr verständlich zu machen: Warum sollen nur männliche, zum Zölibat verpflichtete Menschen das „Einheitsamt“ verkörpern können? Es gibt keinen Grund, weshalb dafür nicht auch verheiratete Männer und natürlich auch Frauen geeignet sein sollen. Was wir brauchen, sind Menschen mit Herz und Zeit für die Menschen. Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit sollten die entscheidenden Kriterien für die Übertragung von Gemeindeleitung sein.

Ist die praktische Verfasstheit der katholischen Gemeinden in Deutschland überhaupt ohne Priester vorstellbar?

Ebner: Das ist nicht nur vorstellbar, das wird längst praktiziert. Gerade in kleineren Gemeinden übernehmen vor allem engagierte Frauen die Gottesdienstgestaltung samt Predigtdienst, organisieren den Krankenbesuchsdienst samt Sterbebegleitung, aber trauen sich meistens noch nicht, dann auch die Krankensalbung zu spenden, obwohl das teilweise von den Kranken gewünscht wird.

Woher kommt eigentlich die herausragende Stellung des Priesters in der katholischen Kirche?

Ebner: Begonnen hat es im 3. Jahrhundert nach Christus. Da nennen sich Gemeindeleiter zum ersten Mal „Priester“ und wollen sich damit in eine Linie mit den alttestamentlichen Priestern stellen, um – wie sie – von den Gemeinden den Zehnt einfordern zu können, also besoldet zu werden. Ab diesem Zeitpunkt gibt es eine Zwei-Klassen-Gesellschaft unter den Getauften: Kleriker und Laien. Das war die Basis für Überhöhungen des Priesterstandes, die in Aussagen wie denjenigen des Pfarrers von Ars gipfeln: „Nach Gott ist der Priester alles… Ohne Priester würden der Tod und das Leiden unseres Herrn nichts nützen. Der Priester ist es, der das Werk der Erlösung auf Erden fortführt.“ Aussagen, die der emeritierte Papst Benedikt XVI. in seinem Schreiben zitiert, mit dem er 2009 das „Jahr des Priesters“ ausgerufen hat.

War Jesus nach biblischem Verständnis so etwas wie der „erste Priester“ und welches Verständnis von Priestertum leiten Sie als Neutestamentler aus der Heiligen Schrift ab?

Ebner: Nach biblisch-jüdischem Verständnis war Jesus weder der erste noch überhaupt Priester. Er hatte dafür schlichtweg den falschen Stammbaum (vgl. Hebr 7,13-14). Die neutestamentlichen Schriften sehen in Gemeinden nicht nur keine Priester vor, sondern entwickeln sogar Gegenstrategien: Genau das, was priesterlichen Opferriten im Tempel vorbehalten war, wird in die Hände aller Glaubenden gelegt. Alle Getauften, Frauen wie Männer, haben priesterliche Würde vor Gott, ohne dass es das Gegenüber von Priestern und Nicht-Priestern gäbe. Im Glauben der frühen Christen ist das der positive Effekt, den Gott gerade im und durch den Tod Jesu bewirkt hat.

Auch der Synodale Weg beschäftigt sich mit der priesterlichen Existenz von heute. Wie verfolgen Sie die Diskussion dort und ist man aus Ihrer Sicht dabei auf dem richtigen „Weg“?

Ebner: Im Blick auf die Freistellung des Zölibats wurden mutige Schritte angedacht. Aber damit wird das eigentliche Problem umschifft: Warum braucht es überhaupt Priester in der katholischen Kirche? Genau diese Frage zu beraten, wurde mit der knappst-möglichen Mehrheit von 95 zu 94 Stimmen befürwortet, aber in bischöflichen Stellungnahmen sofort unter Tabu gestellt. Wenn Kardinal Marx kürzlich gesagt hat, die Zeit sei reif, Frauen zu Diakoninnen zu weihen, dann scheint das ein Fortschritt zu sein, ist es aber nicht. Denn wir bleiben damit im „alten System“ der Klerikerkirche – mit einer monarchischen Verfassung, an deren Spitze nur geweihte Priester stehen dürfen. Und darin besteht das eigentliche Problem, das endlich ausgesprochen werden sollte und vor dem wir uns nicht drücken dürfen. Nur dann kann die katholische Kirche in unserer Zeit ankommen und gleichzeitig wieder christliche Ursprungstreue zeigen.

Martin Ebner ist Priester der Diözese Würzburg und war Professor für Exegese des Neuen Testaments an den Universitäten Münster und Bonn.

 

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Martin Ebner: Braucht die Katholische Kirche Priester?

In der katholischen Kirche wird intensiv diskutiert über die Aufhebung des Zölibats und die Einführung des Frauenpriestertum. Dabei wird eine entscheidende, aber grundsätzliche Frage jedoch kaum gestellt: Braucht die Kirche überhaupt Priester? Martin Ebner sucht Antworten auf diese Frage im Neuen Testament. Dabei kommt er zu dem Ergebnis, dass dort keine Hinweise auf ein Priestertum, wie wir es kennen, zu finden sind. Stattdessen stößt man dort auf ein Gemeindeverständnis abseits von Hierarchien und Machtstrukturen, das wegweisend sein könnte für einen wirklichen Neuaufbruch der Kirche im Geiste Jesu. Wollte Jesus Priester?

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Der Autor
Klaus Schlaug
Online-Redaktion
k.schlaug@st-michaelsbund.de