Solidarität

Ist Nächstenliebe nur mit Geld möglich?

Nächstenliebe beginnt und endet bei der konkreten Sorge für die einzelnen Menschen in Not. Caritas-Präses Augustinus Bauer erklärt, inwieweit Geld dabei eine Rolle spielt.

Geld wird gebraucht um Gutes tun zu können, aber Nächstenliebe kann man nicht bezahlen. © sewcream - stock.adobe.com

Gott lieben und den Nächsten wie sich selbst (vgl. Mk 12,29-31), ist für Jesus die Zusammenfassung seiner Botschaft und Handlungsmaxime für einen jeden, der in seine Nachfolge tritt. Deswegen ist Caritas nicht nur etwas für Mitarbeitende in den Einrichtungen der katholischen Sozialverbände, sondern vielmehr von uns allen. Die Liebe, die Gott uns schenkt, macht uns frei, Liebe weiter zu schenken und damit im Kleinen wie im Großen die Welt zu verändern.

Der Anfang der christlichen Nächstenliebe liegt bei Jesus und der, nach seinem Tod, schnell wachsenden Jüngergemeinde. Man musste sich um all die kümmern, die in der Gemeinde der Hilfe bedurften: Witwen, Kranke, Alleinstehende, Fremde, Arme am Ort und in anderen Gemeinschaften im Umkreis. Alle sollten Anteil an den Gütern der Erde und damit ein menschenwürdiges Leben erhalten. Solidarität beginnt vor Ort, endet aber nicht an der Grenze der eigenen Familie, der Sippe oder Ortsgemeinschaft: Jeder soll beitragen, was sie/er kann.

Die Liebe konkret werden lassen

Daraus hat sich früh ein Bewusstsein entwickelt, dass wir gemeinsam Lasten tragen und ein gewisser Teil des eigenen Überflusses für die „Armen“ abgegeben wird. So waren die Diakone bis in die Neuzeit zuerst verantwortlich für die Verwaltung dieser Gaben und ihre vollständige Verteilung an die Bedürftigen. Im Übergang von der Antike ins Mittelalter haben es die neu entstehenden Klöster und bischöflichen Stifte immer als ihre Sendung verstanden, für würdige Gottesdienste zu sorgen (Liturgia), das Wort Gottes weiterzutragen und zu bezeugen (Martyria) und in der täglichen Praxis die Liebe konkret werden zu lassen (Diakonia = Caritas). Diese drei Grundvollzüge kirchlichen Handelns gehören zusammen: Gottesdienst ist immer Sache der ganzen Gemeinde und nicht nur der Kleriker; zum Zeugnis des christlichen Lebens brauchen wir alle Getauften; konkrete Liebe beginnt immer in der Aufmerksamkeit der Einzelnen füreinander und für ihr Umfeld.

 

Nächstenliebe beginnt und endet also bei der konkreten Sorge für die einzelnen Menschen in Not. Damit wir das als Christen gut leisten können, bildeten sich Netzwerke der Caritas, in denen sich Menschen zusammentaten, um wirksamer auf Notlagen reagieren zu können. Vieles geschieht auf der ehrenamtlichen Schiene, meist ohne äußeres Aufsehen, in Familien, Nachbarschaften und kleinen Gruppen. In der zunehmenden Komplexität der Gesellschaft wird es aber immer dringlicher, mit fachlicher Kompetenz und mit gesellschaftlich relevanten Aktionen auf Notsituationen zu reagieren. Deswegen ja, wir brauchen als Caritas auch viel Geld, damit ein starker Verband als Sachwalter im Spiel der gesellschaftlichen Kräfte Einfluss nehmen und reagieren kann, wenn „Not am Mann oder der Frau“ ist. In den vielen Einrichtungen des Caritasverbands und seiner angeschlossenen Verbände haben wir ein starkes Netz geknüpft mit heutzutage stetig wachsenden Angeboten: Vieles ist gut refinanzierbar, also durch Zuschüsse der öffentlichen Hand und kirchlicher Stellen, aber zentrale Dienste der Caritas „nah am Nächsten“ müssen wir durch massiven Aufwand von Eigenmitteln finanzieren – also aus Spenden und Erbschaften.

Podcast-Tipp

Total Sozial

Ob Wohnungslosigkeit, Integration oder Leben im Alter: Die sozialen Verbände im Erzbistum setzen die Botschaft des Evangeliums in aktive Hilfe um. Sie helfen mit die großen Herausforderungen der Zukunft zu meistern.

> zur Sendung

 

 

Allein die über 9.000 Mitarbeitenden im Caritasverband (gar nicht zu reden von den anderen Verbänden unter dem Dach der Caritas wie der Sozialdienst katholischer Frauen, IN VIA, Kreuzbund u.v.m. mit jeweils eigenen Haupt- und Ehrenamtlichen) arbeiten in München und der ganzen Fläche des großen Erzbistums München und Freising, um immer neuen Herausforderungen zu entsprechen und oftmals auch in Lücken zu gehen, die von anderen nicht bedient werden. Gerade in akuten Notlagen liegt die Finanzierung von Maßnahmen erst einmal ganz bei uns – also ja, wir brauchen in der Caritas viel Geld, damit wir damit Gutes tun können.

Nächstenliebe kann man nicht bezahlen

Dennoch ist und bleibt es für uns als Kirche eine Selbstverständlichkeit, dass wir mit Geld nicht alles machen können. Ob haupt- oder ehrenamtlich Engagierte: Wir alle versuchen im Geist Jesu Christi zum Wohl der Menschen in unserer Welt zu handeln, damit möglichst keiner verloren geht, auch die nicht, die keine starke Lobby zu ihrem Schutz haben. Nächstenliebe kann man nicht bezahlen, aber professionelle Arbeit ist in der Gesellschaft unserer Tage eine unverzichtbare Hilfe in dem großen Netzwerk kirchlicher Hilfswerke. Eine Mitarbeiterin in der Schuldnerberatung leistet ihren Beitrag, mit festem Einkommen und viel Herzblut, genauso wie jemand ehrenamtlich bei der Tafel oder in einer Kleiderkammer oder in der Trauerbegleitung mitarbeitet. In der Arbeit der Caritas sind wir als Kirche ganz nah am Puls der Gesellschaft mit ihren Nöten und ungelösten Problemen. Wir wollen an der Seite der Menschen stehen, gleich welcher Religion oder Herkunft sie angehören. Deswegen gibt es eine große Organisation, die viele Dienste anbietet und als Teil dieser materiellen Welt in ihrer Arbeit auch auf finanzielle Mittel angewiesen ist. (Caritas-Präses Augustinus Bauer)