Spiritualität

Ist man Gott in den Bergen näher?

Meditative Ruhe beim Gehen, beeindruckende Natur, atemberaubender Ausblick - in den Bergen fühlen sich viele Gott und seiner Schöpfung näher als sonst.

In den Bergen fühlen sich manche Menschen Gott besonders nahe. © Axel Mölkner-Kappl

Die Berge werden immer wieder als Idyll und Sehnsuchtsort, ja als eine Art heile Welt dargestellt. Manchmal hört man sogar den Satz, in den Bergen sei man dem Himmel oder Gott näher. Stimmt das? Ist man Gott in den Bergen wirklich näher?

Erhabene Bergwelt

Zunächst liegt es auf der Hand, dass der Anblick der erhabenen Bergwelt etwas Besonderes ist: Man steht auf einem Aussichtspunkt, darüber ein weiter, tiefblauer Himmel, ringsum majestätische, vielleicht sogar verschneite Gipfel, darunter Wälder, Wiesen und Seen, und manchmal ist man dabei sogar über den Wolken oder darf zuschauen, wie die Sonne untergeht … Ja, da kann man staunen und ergriffen sein und das Bedürfnis verspüren, Gott Dank und Lobpreis zu sagen. Man kann sich auch mit der ganzen Schöpfung auf mystische Weise verbunden fühlen und begreifen, dass man Teil einer herrlichen, von Liebe durchdrungenen Welt ist. Ja, da ist man Gott näher.

Gottes Nähe im Alltag

Trotzdem würde ich das nicht zu eng sehen. Zu sehr darauf zu pochen, Gott in den Bergen näher zu sein, bringt gleich zwei Probleme mit sich. Einerseits setzt man sich selbst dadurch unter Druck, dass jeder Ausflug ins Gebirge einer religiösen Offenbarung gleichkommen muss. Und das ist sicher nicht immer so.
Andererseits bedeutet die dogmatische Regel, Gott in den Bergen näher zu sein, im Umkehrschluss, dass man ihm im Alltag – unten, in der Stadt und überall dort, wo die Umgebung nicht so inspirierend ist – ferner ist. Das aber wäre eine fragwürdige Ansicht. Denn wir glauben doch, dass Gott mitten unter uns ist – also bei den Menschen, „wo zwei oder drei versammelt sind“. Gott hat die Menschen ja nicht in die Einsamkeit der Wüste oder der Gebirge gerufen, sondern ist in ihre Dörfer und Städte gekommen und hat ihnen zugesagt: „Ich bin bei euch alle Tage …“ Ist er am Ende vielleicht sogar eher unten, wo Trubel, Stress und Ärger herrschen, als oben, wo alles so schön, aber menschenleer ist?

Oben und unten, einfach überall

Letztlich glaube ich, er ist oben und unten, einfach überall, ewig und allmächtig. Ob auf einem einsamen Berggipfel, in einer Kirche, einem Krankenhaus, in der U-Bahn oder in einem Fußballstadion: Er ist in irgendeiner Form da. Im hektischen Berufsverkehr, im Chaos von Werbeplakaten, Piepstönen, Blinklichtern, Push-Nachrichten und Motorengedröhn ist uns manchmal einfach nur der Blick auf ihn verstellt. Aber er ist da. (Joachim Burghardt, Redakteuer Münchner Kirchenzeitung)

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