Gemeinschaftsgefühl und Mitmach-Kompetenz

Im Gottesdienst zuhause

Vertraute Gesten, tief gespeicherte Antworten - Liturgie und Ritus spenden gläubigen Menschen ein Gefühl der Heimat.

Die Kirche ist für viele Menschen Heimat.

Selten war ich so gerne katholisch: Mit ein paar Dutzend Pfadfindern auf Lager in Frankreich, unternahmen wir am Sonntag einen Fußmarsch, um in einer uralten Dorfkirche in die Messe zu gehen. Die kleine Landgemeinde freute sich sichtlich über die Verdopplung der Teilnehmerzahl. Nur sprach von ihr niemand Deutsch. Und von uns niemand Französisch. Was tun?

Wir verständigten uns auf folgenden Mix: Grundsprache Französisch; Lesungen auf Deutsch; Gemeindeantworten und Vaterunser jeder in seiner Sprache; Gloria, Credo et cetera auf Latein. Latein konnte zwar niemand so richtig, aber alle hatten die Texte doch schon mal gehört – und man wusste ja ungefähr, was drinsteht. Den Rest übernahm die Liturgie: Allein aufgrund der Körpersprache und der Bewegungen im Raum wussten alle, wo man gerade dran war, und konnten mitmachen. Alle waren im
Gottesdienst zuhause. Und wir haben noch lange davon geschwärmt, wie cool es ist, zu einer weltweiten Gemeinschaft zu gehören, die auch in fremden Ländern Heimat schenkt.

Die Kraft des Rituals

An dem Beispiel wird deutlich, dass Rituale ihre Kraft zur liturgischen Beheimatung selbst dann entfalten können, wenn man kein Wort versteht. Aber auch wenn Körper, Geist und Seele gleichermaßen einbezogen sind, lebt der Gottesdienst davon, dass er neben dem stets neuen Anruf des Wortes Gottes auch einen vertrauten Rahmen bietet. Solche Gewohnheiten betreffen vor allem die körperlichen Vollzüge, die sich in das Leibgedächtnis eingebrannt haben. Aufstehen und Setzen bei den
entsprechenden Signalen: Das läuft ohne Nachdenken oder bewusste Entscheidung. Der Körper erinnert sich daran von selbst – wie die Füße an eine häufig gelaufene Treppe oder die Hände an ein
auswendig gespieltes Musikstück. Das Gleiche gilt aber auch für die formelhaften Gemeindeantworten wie „Amen“, „Kyrie eleison“ oder „Wir bitten dich, erhöre uns“. In solche Vollzüge kann man sich fallen lassen, weil man nicht über sein Verhalten nachdenken muss.

Beheimatung im Ritual

Hier liegt ein wahrer Kern konservativer Kritik an allzu viel Freiheit bei der gottesdienstlichen Gestaltung: Variationen, die den Gottesdienst zeitgenössischer und lebendiger machen, lösen zugleich, wenn man nicht achtgibt, eine Entmündigung der Gläubigen aus. Ich zähle mich eher zu den reformfreudigen Menschen. Aber vor der auswendig (hebräisch „ba-lev“ = im Herzen) beherrschten Mitmach-Kompetenz der Gläubigen habe ich größten Respekt. Denn für das Gelingen jeder Feier und die Chancen auf einen geistlichen Gewinn der einzelnen Mitfeiernden liegen in diesen Kompetenzen immense Chancen: Sie geben Verhaltenssicherheit. Sie befähigen dazu, sich als Glied einer Gemeinschaft zu erleben. Und sie disponieren zur spirituellen Empfänglichkeit. Kurz: Sie schenken Heimat.

Zwischenruf zur Wort-Gottes-Feier

In diesem Zusammenhang möchte ich die Frage stellen, ob nicht bei der Erstellung einer liturgischen Ordnung für die Wort-Gottes-Feier durch die deutschen Diözesen dieser Aspekt unterbewertet wurde. Unseren Gemeinden eine liturgische Sonntagskultur auch ohne Priester zu ermöglichen, ist angesichts
der weiter rückläufigen Berufungszahlen ein äußerst wichtiges Anliegen. Und das Buch ist richtig gut geworden. Allerdings ist diese neue Feierform vielen Gläubigen leider nach wie vor fremd. Und das
liegt auch daran, dass sie unbedingt „jede Verwechslung mit der Eucharistiefeier ausschließen“ musste.

Dafür wurde der Feier „in der Abfolge wie in der Gestalt der einzelnen Elemente ein eigenständiges Profil“ gegeben. Nun sind es aber exakt diese Abweichungen, die kein rechtes Heimatgefühl aufkommen lassen: Der Duktus ist anders. Gewohnte Antworten werden nicht abgerufen. In einigen Bistümern wurde sogar die Möglichkeit einer Kommunionausteilung untersagt. Die Gläubigen sollen zwar den Sonntag begehen, zugleich aber möglichst schmerzlich die Messe und den Priester vermissen. Das war offenbar wichtiger als die Beheimatung der Gläubigen.

Ein Experiment

Als ich einmal einen priesterlosen Sonntagsgottesdienst mit Chormusik leitete, habe ich es genau umgekehrt gemacht: alles so nah an der Messe wie möglich. Die Kommunion wurde ausgeteilt, weil von der Gemeinde ausdrücklich der Wunsch kam, ihre eucharistische Frömmigkeit wenigstens in dieser reduzierten Form leben zu dürfen. Wie schön, wenn dieser Wunsch noch lebt! Ich habe kein liturgisches Gewand getragen und den wuchtigen Priestersitz leer gelassen. Ich habe das Fehlen des Pfarrers erwähnt und auch, in welcher Gemeindemesse er für unsere Feier Hostien mitkonsekriert hatte. Aber ich habe den Duktus und die Rollentexte der Gemeinde in der aus der Eucharistie gewohnten Form so weit wie möglich beibehalten, bis hin zum gesungenen Segen aus dem Messbuch (natürlich in der Wir-Form).

Nach der Übertragung der Gaben vom Tabernakel auf den Altar – die Gemeinde kniete – habe ich die Worte „Geheimnis des Glaubens“ angestimmt. Die Antwort kam intuitiv und ließ in den Köpfen und Herzen schlagartig jene konzentrierte innere Haltung lebendig werden, die in der persönlichen Lebensgeschichte mit der Eucharistie über Jahrzehnte gewachsen war. Vertrautheit und liturgische Kompetenz können Kräfte freisetzen. Nachher erhielten wir dankbare Rückmeldungen für den „richtig schönen Gottesdienst“. Möglicherweise hat niemand einen Priester vermisst. Aber angesichts dessen, welcher Abbruch an liturgischer Beheimatung zurzeit im Gang ist, wäre das meines Erachtens das kleinere Übel. (Achim Budde, Direktor der Katholischen Akademie in Bayern und habilitierter Liturgiewissenschaftler)