Rücktritt des Zornedinger Pfarrers

Im Feuer der Fremdenhasser

Normalerweise ist der Rücktritt eines Pfarrers den deutschen Leitmedien keine Zeile wert. Doch der Fall des Seelsorgers im oberbayerischen Zorneding schlägt hohe Wellen. Es geht um Rassismus, Drohungen und die Rolle der CSU.

Pfarrer Olivier Ndjimbi-Tshiende 2013 mit seinem evangelischen Kollegen, Pfarrer Manfred Groß (Bild: Sankt Michaelsbund/Walser)

München – Olivier Ndjimbi-Tshiende stammt aus Afrika - und er fürchtet um sein Leben in Deutschland. Der 66-jährige Kongolese ist kein Asylbewerber, sondern seit Jahren deutscher Staatsbürger, ein habilitierter Philosoph und seit 2012 Pfarrer im Münchner Vorort Zorneding. Am Wochenende warf er das Handtuch, zermürbt von rassistischen Beleidigungen und mehreren Drohbriefen.

 

Mittlerweile schlägt der Fall hohe Wellen bis nach Berlin. Er illustriert, wie dünn hierzulande die Decke der Zivilisation geworden ist im Zuge erregter Debatten um den richtigen Umgang mit den Flüchtlingen und angesichts einer mit Erfolg in die Parlamente strebenden rechtspopulistischen AfD. In einem Interview berichtete der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick, der sich frühzeitig scharf gegen die islamfeindliche Pegida-Bewegung positionierte, von Drohungen auch gegen seine Person.

 

Es scheint, als gerate nun nach einigen Lokalpolitikern, die sich für Flüchtlinge einsetzen, auch die Kirche ins Feuer der Fremdenhasser. Der Berliner Erzbischof Heiner Koch sprach mit Blick auf die Drohungen gegen den Zornedinger Pfarrer von einer "Katastrophe". Er hoffe, dass es hier um einen Einzelfall gehe. Dennoch müssten die deutschen Bischöfe und auch die Kirchengemeinden nun Zeichen setzen. Gerade für die katholische Kirche gibt es Grund, sich zu sorgen. Sie hat inzwischen mehr als 1.300 Priester aus dem Ausland, vor allem aus Polen, Indien und Afrika, nach Deutschland geholt.

 

"In der Regel" würden diese sehr gut aufgenommen und gastfreundlich behandelt, versichert der Münchner Bistumssprecher Bernhard Kellner. Vor sechs Jahren ließ die Kirche die Lage ihrer ausländischen Seelsorger untersuchen. Von allerlei Schwierigkeiten im Zusammenhang mit Sprachproblemen und kulturellen Hürden war damals die Rede, nicht jedoch von direkten Angriffen.

 

Aber auch für einen nach landläufigen Maßstäben bestens integrierten Mann wie Ndjimbi-Tshiende sind Diskriminierungen nichts Neues. In einem Lokal als Schwarzer nicht bedient zu werden, das ist ihm auch schon passiert. Und an einem früheren Einsatzort verweigerte sogar ein kirchlicher Beschäftigter die Zusammenarbeit.

 

Doch im vergangenen Herbst eskalierte die Lage. In Zorneding gab es Streit zwischen der Pfarrei und einigen CSU-Lokalpolitikern, die in der Flüchtlingsdebatte mit scharfen Tönen aufgefallen waren. Bayern werde von Flüchtlingen "überrannt" und erlebe eine "Invasion", hieß es da. Pfarrer und Pfarrgemeinderat bezogen dagegen Position. Daraufhin meinte ein CSUler, "der (Pfarrer) muss aufpassen, dass ihm der Brem (Altpfarrer) nicht mit dem nackerten Arsch ins Gesicht springt, unserem Neger".

 

Man kann nicht sagen, dass in der CSU daraufhin allgemeine Empörung über diese Entgleisung ausbrach. Immerhin legten auf Druck von Bezirkschefin Ilse Aigner mehrere Lokalpolitiker ihre Ämter nieder. Im Briefkasten des Pfarrers war unterdessen eine anonyme Postkarte gelandet, in der ihm bedeutet wurde, dass er "nach Auschwitz" gehöre. Ende Januar bekam er weitere bedrohlich klingende Anschreiben. Der Staatsschutz ermittelt, tappt aber hinsichtlich des Urhebers noch im Dunklen.

 

Die Grünen sehen eine Mitschuld bei der CSU. Vor allem die Spitzen-Christsozialen hätten nicht klar genug gegen fremdenfeindliche Hetze Stellung bezogen. Parteichef Horst Seehofer müsse sich nun öffentlich auf die Seite des angegriffenen Pfarrers stellen, verlangte die Oppositionspartei. CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer beließ es bei der reflexartigen Reaktion, dass seine Partei die Drohungen "aufs Schärfste" verurteile, die nun "mit aller Härte des Gesetzes aufgeklärt" werden müssten. Seehofer und Aigner verwahrten sich gegen die Unterstellung, die CSU habe damit etwas zu tun.

 

Bis zum Montagnachmittag fand eine Online-Petition "Unser Pfarrer soll in Zorneding bleiben" bereits gut 100 Unterstützer. Am Entschluss des Geistlichen wird sie nichts ändern. Ndjimbi-Tshiende hört im April auf und ist zurzeit nicht zu sprechen. (Christoph Renzikowski/kna)

 

Obwohl Pfarrer Olivier Ndjimbi-Tshiende seinen Rückzug aus Zorneding erst zum 1. April angekündigt hat, wird er keine Gottesdienste mehr in der Gemeinde halten. Der Seelsorger hat die oberbayerische Gemeinde bereits verlassen und sich beurlauben lassen, wie eine Sprecherin des Erzbistums München und Freising am Dienstag bestätigte. "Er hat um Urlaub gebeten, und wir haben dem stattgegeben." Das Ordinariat suche derzeit nach einer Vertretung.

Für Mittwoch, 9. März, ruft das Bündnis "Bunt statt Braun" zu einer Kundgebung um 18 Uhr im Rathauspark in Zorneding auf. Im Anschluss will der Asyl-Helferkreis mit einer Lichterkette das Rathaus und die beiden Kirchen symbolisch verbinden. Das Motto der Aktion lautet "Rassismus entgegentreten!". (kna/ksc)