Ökumenischer Kreuzweg

Glaube trifft Medizin

Seit 2012 sind in der Fastenzeit Christen in der Münchner Isarvorstadt singend und betend beim ökumenischen Kreuzweg durch das Stadtviertel unterwegs. Die konfessionsübergreifende Glaubensgemeinschaft wächst von Jahr zu Jahr und besucht immer auch besondere Örtlichkeiten. Heuer machten die Vertreter der verschiedenen christlichen Kirchen Station in der Pathologie.

Im Theoretischen Hörsaal der Pathologie fand eine Station statt. Professor Thomas Kirchner (rechts) ließ es sich nicht nehmen, die Teilnehmer persönlich zu begrüßen. (Bild: Ertl)

München – „Oh du hochheilig Kreuze, an dem mein Herr gehangen, in Schmerz und Todesbangen“. Das alte Passionslied erklingt an diesem Abend an ungewöhnlichem Ort: Die rund 120 Teilnehmer des ökumenischen Kreuzwegs durch die Münchner Isarvorstadt halten eine Statio im altehrwürdigen „Theoretischen Hörsaal“ im ersten Stock der Pathologie an der Thalkirchner-/Winckelstraße. In dem am 17. Mai 1930 eingeweihten Gebäude ist der Hauch der Medizin-Geschichte trotz schwerer Kriegsschäden ehedem bis heute zu spüren: das großzügige Treppenhaus, die Büsten verdienter Mediziner an den Gang-Wänden, die dunklen hölzernen Klappsitze im steil ansteigenden Auditorium, gefertigt von „Jul. Fürfang, Werkstätte für Sitzmöbel und Tischfabrikation, Dreimühlenstraße 55“, wie einem kleinen Metallschildchen unter dem jeweils äußersten Platz jeder Reihe zu entnehmen ist.

Professor Thomas Kirchner, Leiter und Direktor des pathologischen Instituts der LMU München, begrüßt die christliche Hörerschaft und erläutert ein wenig die Geschichte seiner Fachdisziplin, deren Lehrstuhl seit 1851 in München besteht. An sich, so der Mediziner, sei dieser Ort eigentlich doch ganz geeignet für einen Kreuzweg, bedeute doch „Pathologie“ in ihrer wörtlichen Übersetzung die „Lehre von den Leiden“, wobei mit „Leiden“ natürlich „Krankheiten“ gemeint wären. Die Pathologie sei im übrigen nicht mit der aus zahlreichen TV-Krimis bekannten „Rechtsmedizin“ zu verwechseln, klärt er auf. Und dann wird der freundliche Professor noch ein wenig ethisch-grundsätzlich: „Krankheit“, so fährt er fort, „ist ein integraler Bestandteil des Lebens. Sie gehört zum Menschsein dazu.“ Das sei ein medizinisches Grundverständnis, „das wir endlich einmal akzeptieren müssen.“

Eine beeindruckende Station des insgesamt zweieinhalbstündigen Wegs durch Dunkelheit und Kälte, der in St. Andreas im Schlachthofviertel begann, über die Pfarr- und Kapuzinerkirche St. Anton führte, vorbei am Alten Südfriedhof und der Pathologie bis zur evangelischen Matthäuskirche am Sendlinger-Tor-Platz. Textlich orientierte sich der Gang, der aus einem Prolog und sieben Stationen bestand, erneut am bundesweiten „ökumenischen Kreuzweg der Jugend“. Neben Kapuzinerpater Stefan Maria Huppertz, Leiter des Pfarrverbands Isarvorstadt, und seinem evangelischen Kollegen Gottfried von Segnitz aus St. Matthäus mit ihren Gemeinden beteiligten sich Vertreter der altkatholischen Gemeinde, der evangelisch-reformierten Kirche, der rumänisch-orthodoxen Gemeinde und der evangelisch-methodistischen Kirche. Den stimmungsvollen Abschluss dieser singenden und betenden ökumenischen Weggemeinschaft bildete das gemeinsame Vaterunser-Gebet in der Matthäuskirche, das nach dem Segen in eine frohe Agape-Feier überging. (Florian Ertl)