Architektur

Geschmähte Gotteshäuser

Von der Bevölkerung geliebt, aber von Kunsthistorikern verachtet: Die "Vorstadtdome" des ausgehenden 19. Jahrhunderts werden von der Wissenschaft geschätzt.

Die Heilig-Kreuz-Kirche auf dem Giesinger Berg in München © Kiderle

München – Heilig Kreuz im Münchner Stadtteil Giesing zum Beispiel: ein mächtiger Bau, bei dem man auf den ersten Blick nicht so recht erkennen kann oder sogar soll, ob er nun 600 oder nur 150 Jahre alt ist. Eine Täuschungsarchitektur. Dazu passt der Baumeister: Georg von Dollmann, der auch Schloss Neuschwanstein mitgebaut hat. Das kann ja nichts Gescheites sein, pure Nachahmung, Architektur aus dem späten 19. Jahrhundert. Dekorativ, ja, aber alles andere als der gebaute Ausdruck eines neuen Zeitalters, der industriellen Revolution, die ganze Gesellschaften auf den Kopf gestellt und für immer verändert hat.

Oder St. Paul bei der Theresienwiese. Da ist schon auf den ersten Blick erkennbar, wo Georg Hauberrisser „geklaut“ hat: Der Frankfurter Dom Sankt Bartholomäus ist das Vorbild. Nur das Material und damit die Farbe sind anders. Auf der anderen Seite der Bahngleise, etwa zwei Kilometer Luftlinie entfernt, geht dann der Blick noch tiefer ins Mittelalter zurück: St. Benno nimmt sich die großen romanischen Kirchen am Rhein zum Vorbild mit trutzigen Rundbögen. An den Innenausstattungen haben die Bauherren nicht gespart, durch den ungeheuren Wirtschaftsaufschwung im neuen Kaiserreich und die Reparationen aus dem deutsch-französischen Krieg war reichlich Geld vorhanden.

Geliebt und verachtet

Bis vor einigen Jahren waren sich Kunsthistoriker und Architekturkritiker weitgehend einig, dass zwischen 1870 und 1900 keine schöpferischen und dem Neuen zugewandten Auftraggeber und Baumeister am Werk waren und in der Kirchenarchitektur so gut wie nichts Bedeutendes entstanden ist. Blendwerk, blutleere Imitation, die sich „in einer Drapierung des Baukörpers mit historischen Motiven erschöpfte“, wie Nikolaus Pevsner in seinem Standardwerk „Europäische Architektur: Von den Anfängen bis zur Gegenwart“ schreibt. Mochte die Bevölkerung diese Vorstadtdome lieben und dort gerne Gottesdienst feiern, die Kunsthistoriker und modernen Architekten verachteten sie von Herzen.

Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum sie nach den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg teilweise so lieblos wieder aufgebaut wurden, was nicht nur am Material-, Geld- und Zeitmangel lag. Die Kirchen sollten „modern“ werden, durch veränderte Farbfassungen und beseitigte Details. Traurig und grau sahen solche Gotteshäuser danach oft aus. Eine Kirche wie St. Johann Baptist in Haidhausen wurde trotz nur leichter Kriegsschäden in ihrer äußeren Erscheinung stark vereinfacht, ihr stilistischer Bezug zur nahe gelegenen Maximilianstraße ging verloren. Ein großes Interesse, sich in die Entstehungszeit dieser Kirchen einzufühlen, sich in die Konzepte der Baumeister hineinzudenken, widersprach dem Zeitgeist, der nüchterne Räume forderte.

Qualität neu entdeckt

Seit den 1980er Jahren hat ein langsames Umdenken eingesetzt, als sich eine neue Generation von Architekten mit historischen Zitaten und Formen spielte und sie zeitgemäß zu übersetzen versuchte. Sogar die künstlerischen Qualitäten von Schloss Neuschwanstein haben die Kunsthistoriker entdeckt, die raffinerten Farbkonzepte und die Raumprogramme, verwirklicht mit der damals neuesten Technik.

Auch der Blick auf die mächtigen Münchner „Vorstadtdome“ wie Heilig Kreuz, St. Paul oder St. Benno hat sich verändert, ihre Qualitäten werden neu entdeckt. Es sind Räume, die eine tiefe Sehnsucht nach Geborgenheit in einer Epoche ständiger Umwälzungen stillen. Dazu haben behutsame und oft langwierige Renovierungen beigetragen.

Wie eine Sternenkarte

In Giesing hat sie dreißig Jahre gedauert und der Bau von Dollmann hat eine erstaunenswerte Veränderung erfahren. Die eleganten Grau-Grün-Töne des Innenraums sind wiederhergestellt, brechen sanft das einströmende Licht, der rekonstruierte Schachbrettboden aus kleinen Keramikplatten gibt dem Raum Bewegung. Es ist ein einladender, erhebender und würdiger Ort zum Gottesdienstfeiern. Genauso wie in St. Paul oder St. Benno entsteht in diesen angeblich so phantasielosen Nachahmungen eine starke Konzentration und eine Harmonie, die Respekt für die lange Zeit geschmähten Erbauer abnötigt. Sie entsteht, wenn diese Räume behutsam erhalten und gleichzeitig erneuert werden.

Denn ungebrochen und einfach wiederhergestellt sind diese drei Gotteshäuser nicht. Sie enthalten auch zeitgenössische Kunst, die sich erstaunlich gut einfügt. Etwa das „Memorial“ von Andreas Horlitz, dessen Glasplatten den gesamten Endbogen des südlichen Seitenschiffs von St. Benno ausfüllen. Es sieht auf den ersten Blick wie eine Sternenkarte aus, ist aber das gigantische vergrößerte Bild eines menschlichen Genoms. Und die 125 Jahre alte Kirche von Leonhard Romeis bietet den großzügigen Raum, um dieses Kunstwerk, das vom Unendlichen im Menschen und im Kosmos erzählt, zu meditieren. Es lohnt sich, diese Kirchen neu zu betrachten und in ihnen zu verweilen, in denen sich das Gefühl für die Tradition und die Fragen der Gläubigen von heute verbinden.

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de