Seligsprechungsprozess für Widerstandskämpfer

Gerlich-Biograph: Ein unterschätzter Nazi-Gegner

Der 1934 im Konzentrationslager Dachau ermordete Fritz Gerlich soll einen Platz im offiziellen Heiligenverzeichnis der katholischen Kirche erhalten. In diesen Wochen hat der Historiker Rudolf Morsey eine neue Biografie über ihn veröffentlicht. Sie könnte Einfluss auf das Verfahren nehmen, denn zum ersten Mal stand der Nachlass Gerlichs für die Forschung offen.

Schillernder Katholik und Widerstandskämpfer: Fritz Gerlich (Bild: privat)

München - Für den früheren Geschichtsprofessor in Speyer, Rudolf Morsey, ist eines klar: Fritz Gerlich ist „in der historischen Forschung und im Bewusstsein der Öffentlichkeit zu wenig bekannt und wird unter Wert gehandelt.“ Seit 1994 beschäftigt sich der 89jährige Historiker mit dem katholischen Journalisten, der 1934 als politischer Gefangener ermordet wurde. „ Er ist ein sehr früher und entschiedener Gegner des Nationalsozialismus und hat gegen Hitler eine Kampfpublizistik entfaltet, die man in dieser Schärfe und in dieser Präzision woanders nicht oder kaum findet“ sagte Morsey in einem Interview mit dem Münchner Kirchenradio. Darum sei Gerlich und seine Zeitschrift "Der gerade Weg" für die historische Forschung ein wichtiger Gegenstand. Gerlich war zunächst ein nationalkonservativer Journalist und war calvinistisch erzogen. Durch die Begegnung mit der umstrittenen Mystikerin Therese Neumann, der berühmten Resl von Konnersreuth, wurde er Katholik.

Neue Erkenntnisse aus dem Nachlass

Für seine soeben erschienene Biografie über den Widerstandskämpfer konnte Morsey als erster Wissenschaftler weite Teile des Gerlich-Nachlasses nutzen. Obwohl dessen Biographie weitgehend bekannt ist, konnte er neue Einzelheiten zu Gerlichs Leben feststellen. Zum Beispiel über eine Ehekrise in den Jahren 1927/28, als der Journalist 16 Monate von seiner Frau getrennt lebte. Er habe zahlreiche neue Details gefunden, „die es in dieser Fülle und Dichte bisher gar nicht geben konnte“. Auf die Frage, ob sie für die Seligsprechung Gerlichs wichtig seien, sagte Morsey: „Das ist nicht mein Problem.“ Er habe eine historische Arbeit geschrieben und überlasse es den Theologen, ihre eigenen Schlüsse daraus abzuleiten. Für ihn steht aber fest, dass „Fritz Gerlich von den braunen Staatsverbrechern nicht wegen seines katholischen Glaubens ermordet worden ist, sondern wegen seiner Kampfpublizistik gegen ihre Lehre und Politik“. Er wolle aber keine „Etiketten“ verteilen oder Empfehlungen abgeben: „Für mich ist Gerlich eine historische Figur.“ (alb)

Das Interview mit Rudolph Morsey ist am Dienstag um 10.09 Uhr, 16.09 Uhr und 19.09 Uhr im Münchner Kirchenradio zu hören. Sein neues Buch „Fritz Gerlich (1883-1934). Ein früher Gegner Hitlers und des Nationalsozialismus“ umfasst 346 Seiten und kostet 29.90 €. Erhältlich im Online-Shop des Sankt Michaelsbundes.