Münchner Schäffler

Gegen das Grauen

1517 war eine düstere Zeit in München: Die Pest hatte die Stadt fest im Griff, allenthalben herrschte Trauer. Bis ein junger Bursche aus der Zunft der Schäffler eine großartige Idee hatte...

Einmal hin, einmal her - der traditionelle Münchner Schäfflertanz folgt einer festen Choreographie. © imago

München – Es wäre ein interessantes Experiment: Würde man an jedem beliebigen Tag um Schlag 11 Uhr die vielen Passanten fragen, die dann vor dem Münchner Rathaus stehen, die Köpfe im Nacken und den Blick auf das Glockenspiel gerichtet, was genau sie da eigentlich gerade so interessiert beobachten, wüssten vermutlich nicht allzu viele die richtige Antwort. Dabei geht das hübsche Ringelreihen, das die Figuren da in rot, grün, schwarz und weiß Tag für Tag mit ihren Buchsbögen vollführen auf einen Brauch zurück, der seit nunmehr 500 Jahren zu München gehört wie, sagen wir mal, die Wiesn und der Viktualienmarkt. Und damit der Schäfflertanz, denn genau darum handelt es sich bei dem Figurenkarussell, auch keinesfalls in Vergessenheit gerät, kümmert sich bis heute der so genannte Fachverein der Schäffler Münchens. Echte Burschen aus Fleisch und Blut spielen und tanzen auch heuer wieder zur Faschingszeit an vielen Orten und erinnern damit an eine Zeit, als in München zunächst wohl kaum einem der Sinn nach Tanz und Frohsinn stand.

Schäffler sorgt für gute Stimmung

Wir schreiben das Jahr 1517: In München herrscht Not und Elend. Die Pest hat die Stadt wieder einmal fest im Griff. Die Straßen sind menschenleer, alle verkriechen sich, so gut es geht, in ihren Häusern, um der Seuche zu entkommen. Vielen wird das nicht gelingen, denn am Ende wird München ein Drittel seiner Einwohner verloren haben. Auf dem Höhepunkt des Grauens soll, so ist überliefert, schließlich ein Schäffler, also einer, der von Berufs wegen Fässer baut, auf die Idee gekommen sein, dem Elend die Stirn zu bieten. Statt wie alle anderen das Unglück zu Hause im Dunklen zu bejammern, wollte er im Gegenteil nach draußen gehen und dort tanzend und singend für gute Stimmung sorgen. Schnell fand der junge Mann, dessen Name leider nicht mehr bekannt ist, weitere Mitstreiter unter seinen Zunftkollegen und so kam es, dass ein bunt gekleidetes Grüppchen mutig durch die Straßen und Gassen zog.

Gruppenbild der Münchner Schäffler © Fachverein der Schäffler Münchens - Elisabeth Monamy

Angelockt von der Musik kamen nach und nach die bleichen, abgemagerten Menschen aus ihren Häusern, um das Spektakel zu bewundern. Ein schönes Erlebnis, nach dem sich viele so lange gesehnt hatten. Und zugleich der Anfang vom Ende des Schreckens, denn allmählich kehrte das normale Leben wieder schrittweise in die Stadt zurück, und diejenigen, die von der Pest verschont geblieben waren, nahmen ihre Arbeit und ihre alltäglichen Verrichtungen wieder auf.

Nur männliche Mitglieder

Geblieben ist bis heute der schöne Brauch des Schäfflertanzes, der seit dieser Zeit alle sieben Jahre an verschiedenen Orten in und um München zur Aufführung gelangt. Einer, der sich darum besonders annimmt, ist Willi Schmid, seit rund 20 Jahren erster Vorstand des Fachvereins, der nach Schmids Aussage heute rund 100 (ausschließlich männliche) Mitglieder zählt. Noch bis 28.Februar wird die 25-köpfige Tanzgruppe, bestehend aus 20 Tänzern, einem Fähnrich, zwei Reifenschwingern und zwei Kasperln, eine genau festgelegte Choreographie aus insgesamt sieben Figuren vorführen. Nach dem Einmarsch zu den Klängen des Bayerischen Defiliermarsches folgen die Schlange, die Laube, das Kreuz, die Krone, vier kleine Kreise, das Changieren und zum Abschluss schließlich der Reifensprung.

Jubiläumsjahr muss betanzt werden

Ein Höhepunkt wird heuer im Jubiläumsjahr, so Schmid, der Tanz vor dem Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) auf dem Marienplatz sein und zwar am Samstag, 25. Februar, um Punkt 12 Uhr. Genau genommen, berichtet Schmid, ist bei Zugrundelegung der Sieben-Jahres- Regel 2017 gar kein turnusmäßiges Tanzjahr (das letzte fand 2012 statt). Allerdings wollten Schmid und seine Schäfflerkollegen das 500-Jahr-Jubiläum auch nicht unbetanzt verstreichen lassen. „Mir macht es einfach immer noch Spaß“, lacht der 60-Jährige. „Außerdem ist es mir wichtig, dass alte Traditionen weiter gepflegt beziehungsweise wiederbelebt werden.“ (Susanne Holzapfel)