Ein Jahr Krieg in der Ukraine

Sie sind selbst Geflüchtete und helfen nun in München ihren Landsleuten

Mehr als eine Million Menschen sind aus der Ukraine nach Deutschland geflüchtet. Auch nach München. Zwei von ihnen arbeiten jetzt bei der Caritas und können so ihren Landsleuten helfen.

Viktoriia Galstyan und Anton Martynov sind vor einem Jahr aus der Ukraine geflohen und arbeiten jetzt bei der Caritas in München und heffen ihren Landsleuten. © Caritas/ SMB/Strauß-Richters

Seit Russland vor einem Jahr die Ukraine angegriffen hat, sind mehr als eine Millionen Menschen nach Deutschland geflohen. Auch nach München. Der erste Jahrestag ist für die Geflüchteten ein Tag, der ihnen vor Augen führt, dass die Situation sich nicht so schnell ändert, wie gehofft.

Beim psychosozialen Zentrum der Münchner Caritas arbeitet Viktoriia Galstyan. Die Psychologin ist selbst in den ersten Wochen des Krieges aus Kiew nach München geflohen. Jetzt kann sie ihren Landsleuten helfen – in der Muttersprache. Sie sagt, dass in diesen Tagen viele Ängste und andere Emotionen hochkämen, die lange Zeit blockiert gewesen seien. Weil der Krieg noch andauere, sei die Behandlung der psychischen Probleme außerdem schwierig, denn wirklich bearbeiten kann man sie erst, wenn eine Situation beendet ist. „Das ist wie eine Wunde, die man immer wieder aufreißt“, sagt sie, „die kann nicht heilen“.

Fernbeziehung und Trauer

Als ausgebildete Psychologin bräuchte sie natürlich nicht dieselben Erfahrungen wie die Geflüchteten, um gute Hilfe anbieten zu können. Aber sie hat dasselbe erlebt, wie die Menschen, die zu ihr kommen und versteht deshalb, „wie es sich anfühlt, etwas zu verlieren, wie sich Trauer anfühlt, wie es ist, wenn dein Leben kaputt geht, wenn man ganz neu anfangen muss, wenn die eigene Berufserfahrung nichts mehr gilt.“

Ein weiteres Thema sei die Trennung von den Männern, erzählt die Psychologin. Zum einen, weil Fernbeziehungen in solchen Zeiten noch belastender seien als sonst. Und natürlich auch, weil einige Männer auch getötet wurden.

Doppelter Schulstress: Schulpflicht in Deutschland, Fernunterricht in der Ukraine

Für die Kinder ist die Situation aus vielen Gründen schwer. Das Zuhause, die Freunde, alles, was sie kannten, ist nicht mehr da. Und viele von ihnen müssen mit einer weiteren Herausforderung umgehen. Denn in Deutschland gibt es die Schulpflicht und sie gehen hier zur Schule. Aber viele nehmen zusätzlich am Fernunterricht in der Ukraine teil. Diese Doppelbelastung führt oft zu aggressivem oder depressivem Verhalten. Die Eltern erkennen das, aber sie möchten, dass ihre Kinder in beiden Ländern gute Zukunftschancen haben.

Wohnen ohne Privatsphäre

Die Wohnsituation ist ein weiteres wundes Thema. Anton Martynov arbeitet für die Caritas und betreut zwei Leichtbauhallen, in denen ukrainische Geflüchtete leben. Die Hallen sind eigentlich als Notunterkunft für maximal sechs Monate gedacht. Aber der Wohnungsmarkt in München ist absolut dicht, so dass manche Familien seit fast einem Jahr dort leben. Sehr kalt sei es in den letzten Wochen immer wieder gewesen, erklärt er. „Das Dach ist aus Stoff, die Wände aus Aluminium, der Boden aus Holz. Wie bei einem Oktoberfestzelt.“

Familien hätten dort abgetrennte Boxen, deren Wände 1,70 Meter hoch seien. „Da kann jeder drüber schauen. Es gibt keine Privatsphäre. Man hört alles, man sieht alles.“ Sein größter Wunsch wäre es, wenn die Menschen in eine feste Unterkunft umziehen könnten. Denn sie müssten endlich einmal zur Ruhe kommen, nach all dem, was sie erlebt hätten.

 

Podcast-Tipp

Total Sozial

Anton Martynov und Viktoriia Galstyan sind beide vor einem Jahr aus der Ukraine geflohen. Heute arbeiten sie bei der Münchner Caritas. In der neuen Podcast-Folge sprechen sie über ihre Arbeit und wie es ihnen ein Jahr nach Beginn des Krieges geht.

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Die Autorin
Brigitte Strauß-Richters
Radio-Redaktion
b.strauss-richters@michaelsbund.de