Impuls

Gedanken zur Geburt

Es macht einen Unterschied, ob ich sage, „ich bin auf die Welt gekommen“ oder „ich bin geboren worden“. Worin dieser besteht, erläutert Theologe Max Kronawitter hier.

Katholische Vorstellung: Gott schafft jede Seele im Augenblick der Zeugung. © S.Kobold – stock.adobe.com

Wenn in meiner Schulzeit jemand gefragt wurde, wie alt er sei, hat er das meist in die Formulierung gepackt: In diesem oder jenem Jahr „bin ich auf die Welt gekommen“. Meine Kinder haben mich darauf aufmerksam gemacht, dass das heute keiner mehr sagt. Mädchen und Buben, die nach ihrem Geburtsjahr gefragt werden, antworten meist: „Ich bin … geboren.“ Es hat sich offenbar gewandelt, wie Menschen den Beginn ihres Lebens umschreiben. Wenn sich die Sprache verändert, dann hat das immer auch etwas mit dem zu tun, was die Worte spiegeln: unser Denken.

Unterschiedliche Vorstellungen

Mag es zunächst auch nur ein formaler Unterschied sein, ob ich sage, „ich bin auf die Welt gekommen“ oder „ich bin geboren worden“. Die verschiedenen Formulierungen drücken auch unterschiedliche Vorstellungen aus. „Ich wurde geboren“ verweist auf einen biologischen Akt: Ein Kind verlässt den Körper der Mutter, die Nabelschnur wird durchtrennt, die Lebenszeit beginnt. „Ich bin auf die Welt gekommen“ lässt die Vorstellung mitschwingen, dass es vor diesem Kommen bereits einen anderen Ort gegeben hat, wo jemand war. So wie die Sonne, wenn sie kommt, nicht aus dem Nichts erscheint, sondern hinter dem Horizont aufsteigt, so impliziert auch das „Auf-die-Erde-Kommen“ eines Säuglings, dass er vorher anderswo war. Für die Menschen früherer Zeiten gab es keine Frage, woher der Mensch kommt: von Gott.

Max Kronawitter ist katholischer Theologe und Filmemacher.
Max Kronawitter ist katholischer Theologe und Filmemacher. © privat

Gott erschafft jede Seele im Augenblick der Zeugung

Die Vorstellung, dass jede Seele sogar bereits vor ihrer Zeugung existiert, findet sich bereits bei Origenes, einem bedeutenden Theologe des dritten Jahrhunderts. Auch wenn seine Präexistenzlehre von der Kirche abgelehnt wurde, so hat sie doch lange nachgehallt. Womöglich ist die katholische Vorstellung, dass Gott jede Seele im Augenblick der Zeugung erschafft, kein großer Widerspruch dazu. Denn wie jeder Künstler weiß, existiert das Geschaffene nicht erst, wenn es ausgeführt wird. Lange bevor etwas konkret wird, treibt es seinen Schöpfer um.

„Als ich noch gestaltlos war, sahen mich bereits deine Augen. In deinem Buch sind sie alle verzeichnet: die Tage, die schon geformt waren, als noch keiner von ihnen da war“, heißt es im Psalm 139. Demnach dürfen wir davon ausgehen, dass Gott nicht erst durch den Zeugungsakt der Eltern auf Kinder aufmerksam wird, so wie es Großeltern ergehen mag, die überrascht erfahren, dass ein Enkelkind unterwegs ist. Als Gedanke Gottes waren wir schon da, als unser Kommen noch ausstand. Ob nun als präexistente Seele oder als Idee, ist dabei letztlich zweitrangig.

Für mich ist das eine schöne Vorstellung, weil damit der Himmel nicht nur unser Ziel ist, sondern unsere Heimat: der Ort, an den man wieder zurückkehren darf. Deshalb werde ich mich auch künftig nicht scheuen zu unterstreichen, dass ich nicht nur geboren, sondern auch auf die Welt gekommen bin.