Prägendes Bistum

Freisinger Bischöfe waren einmal Staatschefs

1821 einigten sich der Papst und die bayerischen Könige auf neue Bistumsgrenzen und -zuschnitte. Damit ging die Selbständigkeit alter geistlicher Fürstentümer endgültig zu Ende.

Fürstliches Erscheinungsbild: Freising im 17. Jahrhundert, ein Ausschnitt aus einem historischen Stich. © Diözesanarchiv München und Freising

München/Freising - Wo heute in München das Krankenhaus Bogenhausen steht, begann früher fremdes Territorium. Ein eigener Staat, der sich vor allem rund 30 Kilometer entlang der rechten Isarseite hinzog: das Hochstift oder Fürstbistum Freising. Die Lokalhistorikerin Karin Bernst steht im „Priel“, einem kleinen Wäldchen hinter dem Klinikum und um das Jahr 1800 hätte sie sich hier im Ausland aufgehalten: „Hier begann ein Jagdgebiet der Freisinger Bischöfe, die in Ismaning auch eine Sommerresidenz hatten.“ Und immer wieder kam es zu Streitigkeiten mit den bayerischen Herzögen oder Kurfürsten wegen der Jagdrechte. Etwa ob der Fürstbischof eine Wildsau oder einen Hirsch verfolgen und erlegen durfte, wenn die sich auf das fremde Territorium geflüchtet hatten.

Unerlaubte Grenzübertritte

Empfindlich reagierte dagegen das Freisinger Staatsoberhaupt, wenn die bayerische Obrigkeiten unerlaubt den Schlagbaum ignorierten, der an der heutigen Oberföhringer Straße stand: „Wenn etwa ein Dieb aus München sich hierher rettete, durften ihn die bayerischen Häscher nicht einfach im Hochstift aufgreifen, weil das ja fremdes Rechtsgebiet war“, erklärt Karin Bernst. In den Archiven hat sie einen solchen Fall unerlaubten Grenzüberritts der ausländischen Behörde auf dem fürstbischöflichen Territorium gefunden, der prompt zu diplomatischem Ärger und einem Schriftwechsel führte.

Einzige ernst zu nehmende Stadt

Freising, das schon lange vor München gegründet worden war, pochte auf seine Selbständigkeit und war ein Ministaat mit allem was dazu gehörte, inklusive eigener Währung. Das war im alten Heiligen römischen Reich deutscher Nation mit seinen über 300 eigenständigen Territorien nicht unüblich. Auch Freising besaß das Münzrecht, das die Fürstbischöfe allerdings immer nur zeitweise ausübten. Ulrike Götz vom Stadtmuseum Freising zieht im Depot eine Schublade aus einem Stahlschrank und zeigt auf eine Silbermünze, ungefähr so groß wie ein Hosenknopf. Über 1000 Jahre ist der sogenannte Silberdenar alt, den Bischof Egilbert hat schlagen lassen und der zeigt, dass Freising ein prägendes Bistum war. „Es war im 11. Jahrhundert tatsächlich die einzige ernst zu nehmende Stadt im heutigen Oberbayern“, so Ulrike Götz.

Rubens im Dom

Ihren Status versuchten die Fürstbischöfe auch dann noch deutlich zu machen als das emporgekommene München von einer Kiesbank in der Isar zur bayerischen Hauptstadt herangewachsen war. Selbstverständlich hielten sie sich einen Hofstaat, ließen Kirchen und eine kleine Residenz bauen, pflegten die Kunst. Die Leiterin des Stadtmuseums zieht einen historischen Stich hervor, der die beeindruckende türmereiche Silhouette Freisings im 17. Jahrhundert zeigt. Fürstbischof Veit Adam von Gepeckh beauftragte zum 900-jährigen Bistumsjubiläum sogar Peter Paul Rubens ein monumentales Altarbild für seine Kathedrale zu malen, das heute in der Münchner Pinakothek hängt. 1724, zum 1000-jährigen Jubiläum beauftragte einer seiner Nachfolger die Gebrüder Asam den Dom neu auszugestalten, der bis heute den mächtigen Domberg über der Isar trägt.

Abgeräumte Silhouette

Nach der Säkularisation und dem Erlöschen des Hochstifts haben die neuen bayerischen Herren  viele andere Gebäude abgeräumt. Unter anderem die Kollegiatsstifte Sankt Andreas und Sankt Veit, in denen die für sich lebenden Kleriker der Stadt zum Gebet und zum Messefeiern zusammenkamen. „Das war die bewusste Politik der neuen, antiklerikalen Regierung diese große türmereiche Silhouette der Residenz- und Bischofsstadt möglichst auf das Niveau einer Landstadt herunterzudrücken“, erklärt der Stadtarchivar und -historiker Florian Notter. Für die einstmals fürstbischöflichen Untertanen änderte sich auch sonst einiges. Das abgeschaffte Hochstift kam ohne Militär aus, nun unterlagen sie der Wehrpflicht. „Einem Freisinger Bauernburschen konnte es nicht passieren, dass er zwangsweise ausgehoben, also in Kriegsdienste gezwungen wurde.“

Freisinger Sozialstaat

In anderen deutschen Staaten wie Preußen war das dagegen gängige Praxis. Und das Fürstbistum war sogar nach damaligen Maßstäben ein Sozialstaat. Florian Notter erwähnt die vielen wohltätigen Stiftungen: „Als Hochstiftsuntertan bist du nicht  unters Netz gefallen, irgendeine Einrichtung war für dich da.“ Die Auflösung des Fürstbistums und die Verlegung des Bischofssitz, sei nun aber einmal „historische Realität“. Das neue Erzbistum München und Freising „hat ja auch Großes bewirkt und die alte Bischofsstadt  nie ganz vergessen“, so Notter. „Das 200-jährige Jubiläum ist also auch hier ein Grund zum Feiern, für Trauer-Oden gibt es keinen Anlass.“

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Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de