Biblische Bergtouren

Expeditionen zu Gott

Der heutige Blick auf die Alpen ist tief von der biblischen Weltsicht geprägt. Der Theologe Thomas Söding über Bergtouren in der Bibel.

Beim Aufstieg auf den Mosesberg blickt man nach Norden auf die Gebirgszüge des Sinai-Hochgebirges.

Das Gipfelerlebnis ist am schönsten – aber der Weg hinauf ist nicht nur mühsam, sondern auch lohnend. Und der Weg wieder hinunter geht zwar am meisten auf die Gelenke, führt aber zurück nach Hause, in die Herberge, auf sicheren Boden. Jede zünftige Bergtour kennt diesen Dreiklang – mit Schweiß auf Schritt und Tritt, mit Rast und Brotzeit, mit Aussicht und Einsicht.

Der heutige Tourismus ist noch nicht alt. „Ötzi“ war kein Jogger, sondern ein Jäger und Sammler. Oben auf den Gipfeln der Berge haben viele Völker der Antike die Wohnsitze der Götter vermutet – und die Regionen lieber gemieden. Anders in Israel: Die Bergtouren der Bibel sind Expeditionen zu Gott. Er ist der Schöpfer des Himmels und der Erde, er hat das Meer gemacht und auch die Berge: „Du gründest die Berge in deiner Kraft“ (Ps 65,7), wird in der Bibel gebetet, und: „In seiner Hand sind die Tiefen der Erde, sein sind die Gipfel der Berge“ (Ps 95,4). Auf dem Berg sind Menschen Gott nahe – so wird es von Mose, so wird es auch von Jesus erzählt. Deshalb lohnt der Weg aus dem Tal in die Höhe; er ist nicht verboten, sondern verlockend, gerade weil er auch gefährlich sein kann. Aber ebenso muss es wieder hinab in die Ebene gehen – dorthin, wo Gott gleichfalls nahe ist, auch wenn man es nicht so leicht merkt.

Aufstieg

Der heutige Blick auf die Alpen und alle anderen Gebirge ist von der biblischen Weltsicht tief geprägt: Die Schönheit der Berge wird als Wunder der Natur gesehen. Die Gipfelkreuze sind Anziehungspunkte für viele. Die Wege und Steige hinauf und hinunter sind Lebensadern für Menschen, die an ihre Grenzen oder zu ihrer Mitte finden wollen.

Wer an Gott glaubt, braucht auf keine Wanderung und keine Kletterpartie zu verzichten, kann aber jede Bergtour als Pilgerweg mitten in der Welt angehen – im Wissen, Grenzen zu erfahren, aber auch überschreiten zu können und neue Horizonte zu entdecken, aber auch vieles jenseits steiler Felswände nicht erkennen zu können. Die Gipfelkreuze sind Fingerzeige zu Gott; sie lassen ganz oben auf dem Berg erkennen, dass jeder Lebensweg von Menschen unendlich höher führen kann als auf den Mount Everest. Wer die Berge als herausragende Werke der Schöpfung sieht, kann sich selbst als Gottes Ebenbild entdecken, mitten in der großen weiten Welt.

Jesus ist mit seinen Jüngern einen solchen Weg gegangen: auf den hohen Berg der Verklärung (Mk 9,2–13), der früher mit dem schneebedeckten Hermon im Libanon verglichen wurde, ungefähr so hoch wie die Zugspitze, und heute am Tabor mitten in Galiläa gesucht wird: ein Inselberg, der sich in der Jesreelebene erhebt, 588 Meter über dem Meeresspiegel. Drei seiner Jünger sucht Jesus aus, mit ihm den Berg zu erklimmen: Petrus Jakobus und Johannes, die später mit ihm am Ölberg wachen sollen, aber schlafen werden. Er geht mit ihnen „nach sechs Tagen“, bezogen auf das Messiasbekenntnis des Petrus, also am siebten Tag, dem Sabbat, dem Tag Gottes. In der Alten Kirche ist der Aufstieg ein Bild für das Bildungserlebnis geworden, das mit dem Glauben gegeben ist: Wer sich von Jesus führen lässt, bleibt nicht beim Gewohnten stehen, sondern kommt über sich selbst hinaus – zu Gott und dadurch neu zum eigenen Ich.

Das Vorbild für die neutestamentliche Erzählung ist der Aufstieg zum Berg Sinai, den Mose unternimmt, weil Gott ihn ruft (Ex 19), um die Zehn Gebote zu empfangen und mit nach unten zu nehmen, zum Volk in der Wüste (Ex 20). Mose steigt in die Sphäre auf, in der Gott den Überblick über den Lauf der Welt verschafft: „Ihr habt gesehen, … wie ich euch auf Adlerflügeln getragen und hierher zu mir gebracht habe“ (Ex 19,4). Wie die Rabbinen in ihrer Auslegung festgehalten haben, steht der Berg für die Größe Gottes, die zittern lässt – und Mose, der sich hinauf wagt, ist der Mittler, der sich in größte Gefahr begibt, um größten Segen zu spenden, wenn das Volk die Botschaft Gottes vom Berg als das Wort gehört haben wird, das seine Freiheit stärkt.

Gipfel

Oben auf dem Gipfel sieht Mose alles und nichts. Es blitzt und donnert, weil Gott am dritten Tage, wie versprochen, auf den Berg herabsteigt, auf den Mose hinaufsteigt, während das Volk unten bleiben muss. Entscheidend ist, was Mose hört: die Zehn Gebote und die Worte des Bundesbuches, die er aufschreiben wird (Ex 21-23). Es sind Worte von Gott, Worte von oben, Worte vom Berg. Wäre Mose nicht aufgestiegen, hätte er sie nicht vernommen. Das Volk bleibt am Fuß des Berges, weil es voll Schrecken die Größe Gottes erkennt, der es nicht gewachsen ist. Mose aber ist Bergsteiger. Er kommt heil auf den Sinai hinauf und auch wieder herunter. Oben auf dem Berg, dem Himmel so nah, kann er alle Nebengeräusche ausblenden und sich auf Gottes Wort konzentrieren.

Auch im Neuen Testament ist Mose ein Mittelsmann. In der Verklärungsgeschichte ist er wieder oben auf dem Berg, diesmal zusammen mit dem Propheten Elija, und zwar an der Seite Jesu, mit dem sie beide reden.