Meinung
Kommentar zum Missbrauchsgutachten

Vertuschter Missbrauch entstellt das Antlitz der Kirche

Opfer wegverwalten, Kirchen-Fassade sauber halten - das Münchner Gutachten bringt zutage, wie jahrelang mit Missbrauch umgegangen wurde. Ein Kommentar von mk-Redakteur Florian Ertl.

Das Missbrauchsgutachten des Erzbistums München und Freising bringt Jahrzehnte lange Vertuschung ans Tageslicht. © rootstocks - stock.adobe.com

Man kennt die biblische Szene, Abrahams Fürsprache für Sodom, als er Gott fragt, ob dieser wirklich Schuldige und Unschuldige ohne Unterschied vernichten wolle (Gen 18,16–33). Abraham handelt mit dem Herrn, und die Zahl der Gerechten schrumpft hierbei immer mehr, von fünzig auf schließlich zehn. Und selbst dann noch versichert ihm Gott, dass er Sodom verschonen werde, wenn sich nur zehn anständige Menschen darin finden ließen. Das Ende von Sodom und Gomorra ist bekannt.

Schuldhaftes Verhalten und Versagen

Wie mutet es da an, wenn die Anwältin Marion Westpfahl auf die Frage einer Journalistin, ob die zweijährige Untersuchung über den Umgang mit Missbrauchsfällen im Erzbistum nicht wenigstens einen „Gerechten“ zutage gefördert habe, einen, der gegen das gängige Verfahren des Vertuschens vorgegangen sei, knapp antwortete: „Ein solcher ist mir nicht in Erinnerung“?

Hier liegt die wohl erschütterndste Wahrheit des Münchner Missbrauchsgutachtens: Es ist die in dieser Art noch nie so ungeschminkt und schonungslos zutage getretene monströse Dimension des schuldhaften Verhaltens und Versagens ranghoher Kleriker.

Opfer als Bedrohung des Systems

Die horrenden Zahlen der Opfer seien eigentlich nichts Neues gewesen, erklärte der Sprecher des Eckigen Tisches, Matthias Katsch. Und der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, ergänzte: Das „vollständige Nicht-Wahrnehmen“ der Betroffenen verschlage sogar ihm beinahe die Sprache. Ihn verstöre vor allem der Pragmatismus, mit dem sexueller Missbrauch wegverwaltet worden sei.

„Wegverwaltet“ – das bedeutet, Opfer wurden stets als Bedrohung des Systems wahrgenommen, niemals aufgrund ihres Leids. Vorrang hatte stets der Erhalt einer sauberen Kirchen-Fassade für die Öffentlichkeit. Man agierte kühl, diskret und gründlich. Ein schlechtes Gewissen, dass dieses Handeln einen selbst zu Mittätern werden ließ, regte sich nicht. Empathie, moralische Bedenken, Selbstzweifel – Fehlanzeige. Wo war er nur, der wenigstens eine Gerechte?

Ruf der Kirche beschädigt

Vor 40 Jahren schrieb Umberto Eco in seinem Roman „Der Name der Rose“: „Der Teufel ist die Anmaßung des Geistes, der Glaube ohne ein Lächeln, die Wahrheit, die niemals vom Zweifel erfasst wird.“ Das Missbrauchsgutachten führt uns sein Gesicht vor Augen.

Mit jedem Fall, der von Bischöfen und leitenden Mitarbeitern intern behandelt wurde und den man auf diese Weise in Giftschränken und hinter dicken Mauern verschwinden ließ, glaubte man, die Kirche, die Braut Christi, makellos und rein halten zu können. In Wahrheit aber wurde ihr Antlitz jedes Mal ein Stück mehr verdunkelt und befleckt. Jenes Antlitz, aus dem eigentlich „die Güte und Menschenfreundlichkeit unseres Retters“ (vgl. Titus 3,4) aufstrahlen sollte, wurde zur hässlichen Fratze entstellt.

Der Autor
Florian Ertl
Münchner Kirchenzeitung
f.ertl@st-michaelsbund.de