Gestein, das aus Wasser entsteht

Einzigartiger wachsender Felsen in Niederbayern

In Usterling bei Landau an der Isar sind an Steinen eigentlich nur Flußkiesel zu finden. Trotzdem erhebt sich dort eine bis zu fünf Meter hohe Felswand, die sich über viele Jahrhunderte durch eine kalkhaltige Quelle gebildet hat.

Wird durch Kalkwasser langsam, aber stetig höher: der Wachsende Felsen in Usterling. © SMB/Bierl

Usterling - Rein erdgeschichtlich betrachtet gehört die Nummer 19 der bayerischen Geotopenliste nicht einmal zu den Kindergartenkindern unter den Gesteinen: Der Wachsende Felsen im niederbayerischen Usterling ist nicht durch unendlich lange zurückliegende Erdfaltungen oder Vulkanausbrüche entstanden, sondern steigt über der Isar langsam in die Höhe. Wie lange schon, da sind die Experten uneins: es könnten mehrere tausend oder erst ein paar hundert Jahre sein, für Geologen jedenfalls ein zeitliches Nichts.

Einzigartige geologische Formation

Schriftlich erwähnt ist der Felsen zum ersten Mal in der epochemachenden Landvermessung Philip Apians, die der Gelehrte Mitte des 16. Jahrhunderts im Auftrag des bayerischen Herzogs durchführte.  Ganz bestimmt ist die bis zu fünf Meter hohe und deutlich über 40 Meter lange Felswand aber eine in Europa einzigartige geologische Formation. Sie entstand und entsteht immer noch durch eine Quelle, die an einem Abhang entspringt. In einer schmalen, nur wenige Zentimeter breiten Rinne fließt ihr Wasser abwärts, das ungewöhnlich viel Kalk enthält.

An den heften sich Moospflanzen und verschiedene Algen, die nach oben, zum Licht hin wachsen. Durch einen komplizierten chemischen Prozess entziehen sie dem fließenden Wasser ständig weiteren Kalk, aus dem ein immer höher werdendes Tuffgestein entsteht. Auf dessen Rücken versickert das Wasser nicht, sondern fließt ständig weiter, neuer Kalk lagert sich ab und baut den Felsen unermüdlich auf. Ein Solitär in einer Gegend, in der sonst nur Kieselsteine an der Isar zu finden sind. Nik Söltl ist hier fast jede Woche. Der frühere Schulleiter, Stadtrat, Kulturbeauftragte und Heimatforscher im nahegelegenen Landau a.d. Isar führt Gruppen, erklärt das von Laubbäumen umstandene Naturdenkmal und zeigt ihnen auch die Kirche. In der ist der Felsen ebenfalls zu sehen. Dazu später.

Ort der Stille am Isar-Radweg

Manchmal kommt der 76-Jährige einfach so nach Usterling. „Ich liebe diesen Ort, der mich zur Ruhe bringt.“ Diesen stillen Platz für die Seele, der zum Ausruhen einlädt und am Isarradweg zwischen Landshut und Plattling liegt, entdecken auch immer mehr Radfahrer. Nik Söltl lädt sie gerne ein, sich zu ihm auf die Bank zu setzen und erzählt den Fremden von diesem seit 1937 geschützten Naturwunder. Viele bleiben dann viel länger hier als sie es eigentlich geplant hatten und steigen die rund 80 Stufen hinauf, die vom Ende des Felsens und seiner wasserführenden Rinne bis hinauf zur Quelle führen. Dort lässt sich darüber sinnieren, ob schon die ersten Siedler in der Jungsteinzeit diese Quelle und den Wachsenden Felsen gekannt und gepflegt haben, ob es die Römer waren oder erst die Christen im Mittelalter. Nik Söltl hält ihn für nicht älter als 1000 Jahre, doch eines steht für ihn fest: „Ohne menschliche Unterstützung wäre der Fels in die Breite, aber nicht in die Höhe gewachsen“. Schon früh müssen also die Usterlinger die Wasserrinne von Laub und Erdreich gereinigt und nachgezogen haben, damit das Wasser nicht vollständig zur Seite fließt, sonst hätte sich das Gestein nicht nach oben aufbauen können. Nik Söltl hat sogar einen „kleinen Bruder“ des Usterlinger Tufffelsens in Landshut-Schönbrunn gefunden, der unter ähnlichen Umweltbedingungen entstanden, aber sehr flach ist, weil eben niemand seit Jahrhunderten die über ihn fließende Quelle und die natürlich entstandene Rinne beeinflusst hat. Besonders schwärmt der Heimatforscher, der seit 50 Jahren in Landau lebt, von dem Schauspiel, das der Wachsende Felsen früher in kalten Wintern geboten hat: „Dann sind meterlange Eiszapfen heruntergehangen.“

Der Fels ist ein Heiligtum

Allerdings leiteten die Usterlinger später das Quellwasser in der kalten Jahreszeit um, denn es waren deutliche Frostschäden zu bemerken. Unten am Felsen ist ein deutlicher Riss in dem Tuffgestein zu entdecken. Heutzutage kümmert sich ein Naturwart des Landkreises Landau-Dingolfing dass das Wasser das Gestein im Winter nicht sprengt. „Für die Usterlinger ist der Wachsende Fels aber das zweite Heiligtum neben der Kirche geblieben“, erzählt Nik Söltl, der inzwischen die Stufen hinaufgestiegen ist, und jetzt neben der leise plätschernden Quelle oben am Hang steht, die das Gestein hat entstehen lassen. Er schätzt, dass es im Jahr etwa einen Millimeter wächst, früher ist es aufgrund anderer Umweltbedingungen und einer höheren Fließgeschwindigkeit des Wassers wohl deutlich mehr gewesen. An der Quelle haben die Einheimischen eine Kapelle gebaut, die Johannes dem Täufer geweiht ist.

Interessenten für eine Führung in die Usterlinger Johanneskirche und zum Wachsenden Felsen können sich an das Kulturamt, Oberer Stadtplatz 1, 94405 Landau a.d. Isar, Tel.: 09951-941115. E-Mail: Christine.Kroenner@landau-isar.de wenden.

Darum nennen die Usterlinger ihr Naturphänomen auch Johannesfelsen. Früher sollen sich dort die Menschen aus der Umgebung am 24. Juni, dem Johanni-Tag die Augen gewaschen haben, das ist aber nur schwach belegt und eine Tradition als Heilquelle, etwa durch Votivtafeln, ist nicht bekannt. In ihre religiöse Bilderwelt und Vorstellung haben die Menschen aus der Umgebung den Felsen und sein Wasser trotzdem aufgenommen.  Am unteren Ende des Tuffs, seht eine Figur des Johannes des Täufers, dem auch die ein paar hundert Meter Usterlinger Kirche geweiht ist. Mit Nik Söltl muss man nicht am Gitter vor dem Kirchenschiff stehen bleiben, sondern kann auch hinein, denn er hat einen Schlüssel und mit ihm lässt sich der mittelalterliche Schnitzaltar im Chorraum bestaunen.

Fels im Schnitzaltar

Dort ist der Kirchenpatron auf der linken Seitentafel abgebildet und der Wachsende Felsen, neben dem allerdings Dattelpalmen statt Buchen stehen. Nicht am Jordan, sondern dort oberhalb der Isar tauft der Wüstenheilige Jesus. Der Künstler versetzt das Heilsgeschehen einfach nach Niederbayern, weil es auch in dieser Umgebung gegenwärtig und Christus den Menschen überall und selbstverständlich nah ist. Entstanden ist das Werk wahrscheinlich um 1520 in der Werkstatt des berühmten Landshuter Bildhauers Hans Leinberger. Nik Söltl zeigt auf die ebenfalls dargestellte Enthauptung des Täufers und die Hintergrundkulisse. Darauf ist die damals gerade erbaute und topmoderne Stadtresidenz in Landshut zu sehen, der erste Renaissancepalast nach italienischem Vorbild nördlich der Alpen. Nik Söltl studiert den Altar seit Jahrzehnten immer wieder. Er hat darauf sogar die Holzrohre entdeckt, mit denen schon im 16. Jahrhundert ein Teil des Quellwassers am Wachsenden Felsen ins Dorf geleitet wurde, wo es bis heute den Dorfbrunnen speist. Der Künstler muss sich den Ort genau angeschaut haben und war offensichtlich gebannt von dem Naturwunder, das ihm in Usterling begegnete.

Während Nik Söltl den Altar erläutert, kommt Mesner Anton Lex durch die Sakristeitür. Er wohnt im Hof direkt neben Sankt Johannes. Es war ihm aufgefallen, dass jemand in der Kirche ist und da wollte er nachschauen, „ob das wirklich der Nik ist, auch wenn der öfter da ist“. Der Mesner passt gut auf diesen Schatz auf. Er ist sichtlich stolz auf das Gotteshaus mit seinem Altar, den Felsen und auch ein bisschen auf die Usterlinger selbst. Denn die etwa 70 Einwohner unterhalten das Naturwunder, den Kirchenbau und den darum liegenden Friedhof seit Generationen. „Wenn jeder ein bisserl was tut, dann geht des schon“, erklärt der Mesner, „die Frauen halten die Kirche sauber, die Männer mähen den Rasen und schauen halt immer wieder nach dem Felsen.“

Amerikaner wollten den Altar kaufen

Der Altar könnte heute auch in einem Museum in Washington oder New York stehen, hätten die Usterlinger nach dem Zweiten Weltkrieg nicht einer mächtigen Versuchung widerstanden. Nik Söltl hat das aus mündlichen und schriftlichen Quellen erfahren. Nach dem Einmarsch der amerikanischen Truppen 1945, waren Kunstexperten in der Armee auf den Altar aufmerksam geworden und wollten ihn in die USA bringen. Eine Million Mark sollen sie dafür geboten haben, nach anderen Aussagen sogar eine Million Dollar, damals ein geradezu unvorstellbares Vermögen. Die Usterlinger haben es abgelehnt. Denn der Altar gehört für sie unbedingt zum Ort und ist dort verwurzelt. In ihrem Bewusstsein steht er genauso fest, unverrückbar und ewig wie der Wachsende Felsen. Auch wenn der rein erdgeschichtlich erst einen Wimpernschlag lang existiert und gerade auf die Welt gekommen ist.

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de