20 Jahre "11. September"

Ein Tag wie ein Albtraum

20 Jahre sind seit den islamistischen Attentaten in New York vergangen. Donald Baker ist Pfarrer in Manhattan. Im Gespräch erzählt er, wie er den 11. September 2001 erlebt hat, und wie ihn der Tag verändert hat.

Blick auf Manhattan und das nach den Anschlägen errichtete One World Trade Center

Wohl weltweit weiß jeder, wo er am 11. September 2001 war, als die Attentate unter anderem auf das World-Trade-Center in New York verübt wurden und allein dort 2606 Menschen starben. Wie haben Sie – als Bürger von New York City – den Tag erlebt?

Pfarrer Donald Baker: Ich war Priester in Manhattan, allerdings in einer Kirche etwas entfernt vom World-Trade-Center. Nach der Messe kam eine alte Dame in die Kirche und hat geschrien, ein Hubschrauber sei gegen das Empire State Building gekracht. Ich habe den Fernseher eingeschaltet und die Wahrheit erfahren. Der Rest des Tages war ein Albtraum. Wir hatten eine Grundschule, und viele Eltern haben im World-Trade-Center gearbeitet. Wir mussten für die Schüler die Zeit überbrücken, bis entweder ihre Eltern kamen, um sie zu holen – oder auch nicht. Gottseidank haben alle Eltern überlebt. Ich erinnere mich an leere Regale in geplünderten Supermärkten, aber auch an die vielen Überlebenden auf den Straßen, die mit Staub und Blut bedeckt wie betäubt in den Norden der Stadt zogen, weg vom Ort der Katastrophe, irgendwie nach Hause. Unsere Kirche war wegen des vielen Vandalismus in dem Viertel eigentlich immer geschlossen. Jetzt aber haben wir sie sofort geöffnet – und sie blieb es wochenlang, rund um die Uhr. Am Abend des 11. September war die Kirche rappelvoll für die ersten von vielen Gottesdiensten, die wir gefeiert haben, um den Menschen zu helfen, ihre Trauer und Angst aufzuarbeiten.

Wie hat „9/11“ New York verändert?

Baker: In den ersten Jahren hat sich vieles positiv entwickelt. Die Gegend um „Ground Zero“ war ursprünglich das Finanzzentrum der USA – Wall Street ist nur ein paar Blocks entfernt. Jetzt ist die Gegend voller neuer Wohnungen, Hochhäuser und Geschäfte. Das hat auch Auswirkungen auf andere Teile Manhattans. Manhattan ist in den letzten 20 Jahren bunter, multikultureller und auch viel dichter besiedelt geworden. Das hat direkt nach den Attentaten niemand erwartet. Andererseits wirkt die Polizei seit dem 11. September wie eine Militärpolizei. Wie Soldaten bewaffnete Polizisten prägen das Stadtbild. Das soll für Sicherheit und Frieden sorgen, aber vor allem nach den jüngsten Protesten gegen Polizeigewalt wird klar, dass diese Entwicklung zu weit gegangen ist.