Ein Engel für mich!

Ein Engel auf Rezept

Manchmal helfen die besten Medikamente nicht. Wie gut, wenn dann der Hausarzt noch ein Ass im Ärmel hat und statt Pillen einen lieben Menschen vorbeischickt. Einen, der einfach nur da ist, wenn das Alleinsein unerträglich geworden ist.

Mein Engel hat einfach angeklopft. Mitten in der Woche am Nachmittag. Ich erinnere mich noch ganz genau: Plötzlich stand eine Frau in meinem Zimmer im Altersheim, hat ihren Namen gesagt und dass der Hausarzt sie geschickt hat. Wir haben nämlich den gleichen Arzt. Der hat ihr von mir erzählt. Eigentlich weiß ich gar nicht genau, was er ihr gesagt hat. Wahrscheinlich, dass mein Mann gestorben ist und dass es mir nicht gut geht. Ja, das war eine schlimme Zeit.

Ich bin damals gerade vier Wochen in dem Heim gewesen. Weil ich im Rollstuhl sitze und von heute auf morgen allein war, hat mein Sohn ganz schnell diesen Platz hier besorgt. Das war so ziemlich das letzte, was er für mich getan hat. Na ja, nicht ganz. Hin und wieder lässt er sich blicken, aber ich weiß, dass er es nicht gerne tut. Ich bin 85 Jahre alt und viel ist nicht mehr mit mir los, das weiß ich schon. Mein Sohn hat leider keine Geduld, er wird schnell ärgerlich, wenn etwas nicht so läuft, wie er es will. Deswegen möchte ich auch nicht, dass mein Name bekannt wird. Ich habe Angst, dass mein Sohn mir das übel nimmt. Aber es ist halt die Wahrheit.

Das Schlimmste war das Alleinsein

Wie gesagt, mir ging es wirklich gar nicht gut damals. Wenn ich ganz ehrlich bin, dann muss ich sagen, dass ich eigentlich auch gar nicht mehr leben wollte. Mein Mann war tot, unser kleines Häuschen verkauft, ich war allein und alt und krank. Am schlimmsten war das Alleinsein, das Rumsitzen und darauf warten, dass es Abend wird und ich ins Bett gehen kann. Zum Glück gibt es hier im Heim Tabletten, die einem beim Schlafen helfen. Aber dann bin ich am nächsten Morgen immer wieder aufgewacht und hab mir gedacht: Nein, bitte nicht noch ein Tag!

Und dann schickt mir also mein netter Hausarzt diese Frau, und seitdem freue ich mich, wenn ich morgens aufwache. Besonders natürlich an den Tagen, an denen wir uns verabredet haben. Da denke ich schon beim Einschlafen am Abend zuvor dran, dass sie kommt und dann geht es mir gut. Wenn sie kommt, bringt sie Pfefferminzschokolade mit. Die darf ich ja eigentlich nicht essen, aber was soll’s, ich liebe Pfefferminzschokolade. Meistens sitzen wir dann zusammen und reden. Sie fragt mich viel über früher, und im Laufe der Zeit habe ich ihr fast mein ganzes Leben erzählt. Das interessiert doch sonst niemanden. Aber sie will einfach alles wissen, und da vergessen wir schon mal die Zeit. Das ist so schön, wirklich wahr.

Ich habe mein Leben ja schon gelebt, da wird nicht mehr viel passieren. Aber ich habe meine Erinnerungen. Wenn ich die mit jemandem teilen kann, dann ist es beinahe so, als wäre ich wieder jung und gesund. Dann warte ich nicht auf den Tod, weil es dann auf einmal wieder Spaß macht, am Leben zu sein. Ich weiß nicht, ob man das überhaupt richtig verstehen kann ...

Hin und wieder kommt meine Besucherin aber auch einfach so vorbei, also ganz spontan. „Ich war grad in der Gegend“, sagt sie, und dass sie einfach mal nach mir schauen wollte. Sie fragt mich dann, ob sie nicht stören würde. So ein Quatsch, sage ich jedes Mal, dann lachen wir beide. Manchmal hat sie nicht viel Zeit, aber das macht nichts. Mich freut es einfach, wenn jemand an mich denkt. Außerdem weiß ich ja, dass sie wiederkommen wird. Ja, es ist schon wahr, sie ist mein Engel.

Protokoll: Susanne Holzapfel