Männerbild

Echte Kerle dürfen Gefühle zeigen

„Die Liste von dem, was Mannsein bedeutet, ist länger geworden“, meint Frank Kirchner. Und er muss es wissen, schließlich arbeitet er als Männercoach und weiß daher ziemlich gut, wie seine Geschlechtsgenossen ticken.

Das Männerbild hat sich in den letzten Jahren verändert.

München – Acht Männer zwischen Anfang 20 und Ende 70. Alle zwei bis drei Wochen treffen sie sich in der Münchner Innenstadt. Frank Kirchner ist Männercoach und möchte mit seiner Selbsterfahrungsgruppe in erster Linie ein Forum bieten, in dem sich Männer austauschen können, ins Gespräch kommen, aber auch den eigenen Körper erfahren: drei Stunden lang reden, tanzen und singen.

Das Männerbild habe sich stark verändert. „Wir bekommen heute mehr von dem mit, was ein Mann auch noch sein kann“, erklärt Kirchner. Männer seien schließlich nicht nur in der „Höher-schneller-weiter-Welt“ zu Hause. Über Jahrzehnte hinweg war das Männerbild ganz klar geprägt: Echte Kerle verdienen Geld, packen an, bewältigen technische Probleme und fahren schnelle Autos. Heute sei ein Mann aber auch ein Mann, wenn er sich zurückzieht, seine Gefühle zeigt und Nähe sucht. „Die Liste von dem, was Mannsein bedeutet, ist länger geworden“, sagt Kirchner. So habe ein Mann heute die Möglichkeit, viel mehr Seiten zu zeigen, die er früher eher versteckt hätte. Ein positiver Effekt. Gleichzeitig sei es für viele Männer durch das neue Bild von Mann und Frau aber auch schwerer geworden, sich zu definieren. Das hört der Coach in seiner Selbsterfahrungsgruppe immer wieder.

Da ist viel Unsicherheit

Frauen seien da einen guten Schritt weiter. In einer jahrzehntelangen Welle der Emanzipation hätten sie sich intensiv mit sich selbst und ihrem Bild in der Gesellschaft beschäftigt, während sich die Männer zurückhielten. Sie hätten in der stark männlich geprägten Welt ja keinen Anlass dazu gehabt. Genau das ändere sich aber jetzt: „Es gibt viele Fragen, die sich Männer stellen, und da ist viel Unsicherheit“, meint Kirchner. Wieviel Nähe vertrage ich? Wie gehe ich mit den Aggressionen in mir um? Wie teile ich meine Traurigkeit mit anderen? Dass sich Männer solche Fragen stellen, sei generell nichts Neues. Früher hatten sie nur keine Gelegenheit gehabt, sich darüber auszutauschen.

Kirchner selbst hat darauf keine Antworten, schafft in der Gruppe aber den Rahmen, damit die Männer ihre eigenen Antworten finden können. Die meisten in Kirchners Gruppe sind zwischen 40 und 50 Jahre alt – ein Alter, in dem sich viele Männer noch einmal ganz neu orientieren. Wenn etwa die eigenen Eltern sterben und die Männer auf sich zurückgeworfen werden, rutschen sie oftmals in eine Midlife-Crisis und stellen sich existenzielle Fragen.

Frank Kirchner arbeitet als Männercoach.
Frank Kirchner arbeitet als Männercoach. © privat

Das klassiche Bild bricht auf

Kinder und Jugendliche wachsen heute schon mit einem weitaus moderneren Männerbild auf als zu Kirchners Zeiten. „Ich habe von meinem Vater noch Schelte bekommen, wenn ich geweint habe“, erinnert sich der Coach. Früh habe er dadurch gelernt, seine Gefühle zu unterdrücken, auch und vor allem vor anderen Jungen: „Wir sind mit weichen Jungs nicht zimperlich umgegangen. Die haben wir in der Klasse damals verprügelt. Da hat ein Junge sehr schnell gelernt, die Seiten zu zeigen, die populär sind und die anderen zu verstecken.“ In seinem Leben hat Kirchner immer wieder erlebt, dass alle möglichen „Kobolde“, wie er sie nennt, aus ihm herauskommen: „Je tiefer ich schürfe, desto mehr finde ich Seiten, die manchmal gar nicht lustig sind. Mit manchen Seiten kann ich mich nicht direkt anfreunden“, erklärt er.

Männer, die an ihrem eigenen Bild arbeiten, bringen auch die Welt der Frauen in Bewegung. Ein Mann, der weiche Seiten in sich entdeckt und nach außen bringt, wird damit auch einer Frau begegnen, die sich anders verhält, meint der Männercoach. „Das klassische Bild bricht auf. Vielleicht bekommt auch die Frau dadurch die Gelegenheit, andere Seiten von sich zu zeigen.“

Der Autor
Manuel Rauch
Radio-Redaktion
m.rauch@st-michaelsbund.de