Online-Tagung zur Zukunft der Kirche

Diversität braucht Zeit

Ein innovatives Digitalformat erweist sich als geglücktes Experiment für überwiegend junge Christen aus verschiedenen Konfessionen. Online wurden kirchliche Zukunftsideen entwickelt.

Bei unterschiedlichen Programmpunkten diskutierten die Teilnehmenden des digitalen BarCamps über die Zukunft der Kirche. © Katholische Akademie in Bayern

„Ich bin wirklich sehr zufrieden. Fast 100 jüngere, kreative Köpfe mit einer beeindruckenden Breite an kirchlichen Zugehörigkeiten haben sich ausgetauscht.“ Der Ökumenereferent der Erzdiözese München und Freising, Florian Schuppe, strahlt richtiggehend nach dem BarCamp „Diversity – Zukunft der Kirche*n“, das er selbst mit vorbereitet hat.

Ein BarCamp ist eine offene Tagung, deren Arbeitsgruppen von den Teilnehmern selbst festgelegt werden. Fest eingeplante Impulsvorträge liefern ergänzend Diskussionsgrundlagen. Die erste Idee zu diesem Kooperationsprojekt der Katholischen Akademie in Bayern mit der Universität Tübingen und dem Ökumenereferat der Erzdiözese München und Freising entstand vor zwei Jahren. Vor einem Jahr sollte die Präsenzveranstaltung in München stattfinden. Wegen Corona wurde sie auf den Herbst verschoben, dann abermals ins Frühjahr 2021, wo sie nun digital durchgeführt wird.

Innovative pastorale Ansätze

Zu Beginn des BarCamps steht ein Impuls der Baptistin Mira Ungewitter. Sie wirkt seit fünf Jahren als Pastorin in Wien und hat das Festival „Burning Church“ initiiert, wo innovative pastorale Ansätze gefeiert werden. „Diversität braucht Zeit“, lautet Ungewitters Kernbotschaft. Jede Veränderung, jede neue Gruppe in der Gemeinde, jeder neue Akzent betreffe diejenigen, die bisher schon da sind. Ihre Gemeinde hat das ganz konkret dabei erlebt, als plötzlich rund 200 Farsi-sprechende Christen aus Afghanistan und dem Iran sich angedockt hätten und damit plötzlich die Mehrheit in der kleinen Gemeinde darstellten. Das Miteinander funktioniert, aber es habe Zeit gebraucht, betont die Pastorin.

Aktuelle Fragestellungen in den Workshops

Danach dürfen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihre Vorschläge für Workshops nennen. Bis zu acht verschiedene können gleichzeitig stattfinden. Die Bandbreite der Themen gibt dabei viele der aktuellen Fragestellungen in den christlichen Kirchen wieder: Wie kann Mut zu mehr Ökumene erwachsen? Sind „konservativ“ und „progressiv“ heute noch passende Begriffe? Singles in den Kirchen – welche Ideen gibt es mit ihnen und für sie? Kirchenmitgliedschaft neu denken. Kirche im 21. Jahrhundert: Inhalte versus Marketing. Und „Wie kann man kirchliche Gemeinden für LGBTQ-Menschen wertschätzend sensibilisieren?“ Gemeint sind homosexuelle Menschen sowie Personen, die sich nicht in traditionellen Geschlechterzuordnungen sehen.

Der letzte Workshop ist gut besucht – um die 20 Personen treffen sich zum digitalen Austausch, darunter viele hauptamtliche Seelsorgerinnen und Seelsorger der katholischen Kirche. „Bei mir hat sich in den letzten Tagen viel Ärger angestaut“, gesteht eine junge Pastoralreferentin. „Ich möchte Menschen, die sich lieben, den Segen spenden dürfen und verstehe nicht, wieso das einfach vom Tisch gewischt wird. Schließlich ist ein Segen kein Sakrament. Und sonst dürfen wir doch auch alles segnen, vom Rosenkranz bis hin zum neuen Feuerwehrauto.“ Eine evangelische Pfarrerin berichtet, dass sie lange in Genf in einem internationalen Haus ihrer Kirche gelebt habe. Der Organist der dazugehörigen Gemeinde sei homosexuell gewesen. „Vor zehn Jahren mussten er und sein Partner das noch sehr diskret behandeln. Nun haben die beiden in dieser Gemeinde kirchlich geheiratet und die Gemeinde hat es mitgetragen. Nach meiner Erfahrung kommt eine Gemeinde weiter, wenn man miteinander im Gespräch bleibt“, lautet das Fazit der Pfarrerin.

Uneindeutiges als Gut der lernenden Kirche

Schließlich trommeln die Moderatoren zum nächsten Impuls. Der Priester Wolfgang Beck, der Juniorprofessor an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen ist, ruft in Erinnerung, dass es früher viel mehr Möglichkeiten gegeben habe, den katholischen Glauben in Verbänden, Vereinen, Gemeinschaften und Orden zu leben. Seit Jahrzehnten habe man sich auf eine Gemeindezentrierung beschränkt, sehe aber nun auch die Krise der Pfarreien. „Es entstehen Großpfarreien, die aber den Vorteil von Seelsorgeteams mit diversen Seelsorgerinnen und Seelsorgern bieten.“

Beck plädiert dafür, dass nicht mehr die Kirche Themen setzen und darauf warten solle, wie die Gesellschaft darauf reagiere, sondern dass die Kirche sich vom gesellschaftlichen Diskurs mitformen lassen solle. „Uneindeutiges muss nicht überwunden werden, sondern es ist ein hohes Gut, weil man daran die lernende Kirche erkennt.“

Den Abschlussimpuls gibt Erzpriester Radu Constantin Miron. „Wenn Kirche glaubt und betet, dann ist sie Kirche“, betont der griechisch-orthodoxe Geistliche. Diversität bedeute, der Vielfalt an Charismen gerecht zu werden in gegenseitig liebevoller Aufmerksamkeit. „Das Reich Gottes ist nicht nur ein zu erwartendes, sondern auch ein zu erschaffendes“, erklärt Miron. Alle Christen seien eingeladen, daran mitzuwirken. (Gabriele Riffert)