Frauenpredigten

"Die Zeit ist überreif"

Die Predigt im katholischen Gottesdienst ist eigentlich nur Klerikern vorbehalten. In der Münchner Jesuitenkirche Sankt Michael gibt es trotzdem regelmäßig Abendmessen mit Frauenpredigten. Warum die Kirche auf diese nicht länger verzichten könne, erklärt Schwester Sara Thiel im Interview.

Schwester Sara Thiel, Schwester Susanne Schneider und Schwester Barbara Bierler (von links) sind die Initiatorinnen der Gottesdienstreihe "Frauen-Gestalten" in der Münchner Jesuitenkirche St. Michael. © Kiderle

mk online: Was steckt hinter der Gottesdienstreihe "Frauen-Gestalten", die regelmäßig in St. Michael in der Münchner Fußgängerzone stattfindet ?

Schwester Sara Thiel: Dahinter stecken als Initiatorinnen drei Ordensfrauen. Seit 2018 gibt es die Gottesdienstreihe in Kooperation mit den Jesuiten. Der besondere Schwerpunkt dieser Gottesdienste liegt dabei auf „Frauengestalten“, also heiligen oder seligen Frauen, die im Heiligenkalender aus verschiedenen Gründen unterrepräsentiert sind. Auch biblische Frauenfeste, wie beispielsweise Mariä Heimsuchung, sollen stärker ins Bewusstsein gerückt werden. Ebenso ist es ein Anliegen, noch nicht heiliggesprochene Frauen zu würdigen und ihre Selbstwirksamkeit, ihre Glaubenskraft und ihren Mut vorzustellen. Und es gestalten Frauen Liturgie mit. Das heißt, es kommen Frauen als Predigerinnen zu Wort und schlagen Brücken zur Lebensrealität von Frauen (und Männern) heute. Mit dieser Initiative soll ein Beitrag zu einer geschlechtergerechteren Liturgie geleistet werden.

Offiziell sind Laien-/Frauenpredigten ja verboten, wie stehen Sie dazu?

Schwester Sara: Es ist für mich nicht nachvollziehbar, weil es sehr viele hochqualifizierte Laien gibt, die das Wort Gottes authentisch verkünden und auslegen können. Es ist eine unglaubliche Verschwendung von Charismen, darauf noch länger zu verzichten.

Wie würden (mehr) Frauenpredigten die Kirche bereichern?

Schwester Sara: Die Gläubigen sind ärmer ohne die unterschiedlichen Sichtweisen von Frauen und Männern, zölibatär lebenden Menschen oder Menschen, die in Ehe und Familie ihr Christsein verwirklichen. Frauen haben einen anderen Zugang zu biblischen Texten und können andere Dimensionen aufschließen.

Die Predigt


Nach dem Kirchenrecht ist die Predigt in katholischen Messfeiern Klerikern vorbehalten. Laien dürfen dabei nur in Ausnahmefällen predigen, wohl aber können sie in Wortgottesdiensten ohne Eucharistiefeier zu Wort kommen. Zudem dürfen sie sogenannte Glaubenszeugnisse vor der Gemeinde abgeben. (kna)

Warum predigen Sie selber gerne?

Schwester Sara: Ich liebe die Heilige Schrift. Ich meditiere fast täglich einen Abschnitt aus der Bibel und werde dabei oft reich beschenkt. Ich möchte diesen Reichtum mit anderen teilen. Es reizt mich, die biblischen Texte ins Heute zu übersetzen, mit meiner eigenen Lebenssituation ins Gespräch zu bringen und dem nachzuspüren, was Gott heute uns Menschen in den uralten Texten sagen möchte. Manchmal braucht es eine Deutung des damaligen Kontextes, der nicht eins zu eins mit Heute vergleichbar ist.

Was macht eine gute Predigt aus Ihrer Sicht aus?

Schwester Sara: Wenn der Prediger/die Predigerin die Konfrontation mit dem Wort Gottes selbst durchlitten, durchbetet, durchspürt hat, dann wird eine Predigt authentisch und gut. Nichts ist schlimmer, als ein abgelesenes Predigtkonzept aus dem Internet; was nicht heißt, dass ich mir in der Vorbereitung nicht auch schon mal Anregungen von außen hole. Und eine Predigt braucht einen roten Faden, ein Predigtziel, das mehr ist als eine Nacherzählung des biblischen Textes. Und mir persönlich ist ein vertiefter Gedanke lieber als zwanzig aneinandergereihte Aspekte.

Sind Sie zuversichtlich, dass es hier bald Fortschritte gibt, vielleicht auch initiiert durch den Synodalen Weg?

Schwester Sara: Ich hoffe es sehr, dass es bald ein neues „Amt“ – ein Predigtamt für qualifizierte Laien gibt. Vielleicht auch zunächst nur in einzelnen Diözesen. Die Zeit dafür ist überreif.

Der Autor
Klaus Schlaug
Online-Redaktion
k.schlaug@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Frauen und Kirche Synodaler Weg