70 Jahre Christsoziale in Bayern

Die „ökumenische“ CSU

Vor 70 Jahren wurde die CSU gegründet – als „ökumenische“ Partei, aber mit starkem katholischen Überhang. Der Historiker Thomas Schlemmer vom Münchner Institut für Zeitgeschichte erläutert im Interview mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA), was die bayerischen Christsozialen bis heute mit den Kirchen verbindet.

Begegnung von Erzbischof Marx und Ministerpräsident Seehofer beim Ökumenischen Kirchentag 2010 in München (Foto: imago)

KNA: Herr Schlemmer, die CSU hat als Nachfolgerin der Bayerischen Volkspartei (BVP) eine katholische Vorgeschichte. Wie schwer fiel es ihr, eine „ökumenische“ Partei zu werden?

Schlemmer: Natürlich gibt es diesen großen katholischen Strom, aber auch einen evangelischen Minderheitenstrom, ohne den die CSU nicht denkbar ist. Nicht wenige Mitbegründer der CSU wollten die BVP wiederbeleben, doch die Mehrheit war überzeugt, dass es nach der NS-Zeit keine bloße Neuauflage des politischen Katholizismus geben konnte. Dazu gehört etwa Josef Müller, der erste CSU-Vorsitzende. Diese interkonfessionelle Strömung setzte sich nach harten Auseinandersetzungen durch. Mehrere Persönlichkeiten in Müllers Umfeld, etwa Wilhelm Eichhorn oder Johannes Semler, vertraten explizit die Interessen der evangelischen Landeskirche in den Gründungskreisen.

 

KNA: Nach der ersten Phase erfolgt zunächst eine Art Rekatholisierung der Partei...

Schlemmer: Der christlich-interkonfessionelle Flügel erlitt 1949 eine Serie von schweren Niederlagen, die das katholische Element in der CSU gerade in der Person Alois Hundhammers wieder deutlicher hervortreten ließen. Er war als einstiger Häftling im KZ-Dachau linken Antifaschisten, die sein Schicksal geteilt hatten, stärker verbunden als evangelischen Mitchristen. Der Protestantismus blieb für ihn eine fremde Welt, die Anhänger Luthers waren für ihn so etwas wie Abtrünnige. Politiker wie August Haußleiter oder Friedrich Wilhelm von Prittwitz und Gaffron gaben in dieser Zeit ihre Ämter auf oder traten gar aus der CSU aus, weil sie eine Entwicklung nicht mittragen konnten, die 1951 in der Wahl des Bamberger Domkapitulars Georg Meixner zum Vorsitzenden der CSU-Landtagsfraktion gipfelte.

 

KNA: Später hat sich die Partei aber wieder stärker um ihre interkonfessionelle Ausrichtung bemüht.

Schlemmer: Als die Union im Bund 1957 die absolute Mehrheit errang, mahnten Pragmatiker wie Franz Josef Strauß oder Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg, mehr Rücksicht auf die protestantischen Wähler und Parteimitglieder zu nehmen. Das war freilich auch eine Reaktion auf den Verlust der Regierungsverantwortung der CSU in Bayern, der es aufgrund einer stark katholisch geprägten Schul- und Kulturpolitik Ende 1954 nicht gelungen war, eine Koalition zu bilden.

 

KNA: Die CSU in der Opposition blieb eine bislang einmalige und kurze Episode. Der Streit um die Bekenntnisschulen zog sich dagegen vergleichsweise lange hin. Welche Folgen hatte dies für das Verhältnis der CSU zur katholischen Kirche?

Schlemmer: Die CSU blieb ihrem Selbstverständnis nach eine christliche Partei, aber die institutionelle Distanz wuchs. Die CSU versuchte, sich zu emanzipieren, die Kirche wiederum gewann im Umfeld des Zweiten Vatikanischen Konzils ein anderes Verständnis von Staat und Gesellschaft. Mit dem Landtagsabgeordneten Leopold Lerch verstarb 1964 der letzte politische Prälat.

 

KNA: Ungeachtet der Distanz galt die katholische Kirche noch immer als eine CSU-Bastion, drei Viertel der regelmäßigen Kirchgänger wählten „schwarz“.

Schlemmer: Das eine ist das Wahlverhalten praktizierender Katholiken, das andere das Verhältnis von Amtskirche und Regierungspartei. Es gibt da immer wieder Reibungspunkte, etwa in der Sozialpolitik oder in den Armutsdebatten. So bleibt es aus der CSU immer seltsam unkommentiert, wenn der heutige Münchner Kardinal Reinhard Marx kapitalismuskritische Töne anschlägt, auf Armut in der Gesellschaft hinweist und die Politik auffordert, Abhilfe zu schaffen. Auf der anderen Seite bemüht man sich seitens der CSU immer wieder, eine „Aktionseinheit“ zwischen Kirche und Partei herzustellen, etwa beim Kruzifixstreit in den 1990er Jahren.

 

KNA: Damals sprachen CSU und Kirche noch mehr oder minder mit einer Stimme. Bei der aktuellen Flüchtlingsfrage ist das anders.

Schlemmer: Da muss man genau hinschauen. Zwar gibt es harsche Töne aus der CSU, aber auf der anderen Seite engagiert sich der Freistaat stark in der täglichen Flüchtlingshilfe. Mit erheblichem Engagement der Bürger, der Kirchen und auch der staatlichen Stellen wird viel getan, um einigermaßen menschenwürdige Zustände zu schaffen. Auf der anderen Seite treibt die Politiker natürlich die Frage um: Was passiert, wenn die Flüchtlingszahlen weiter so hoch bleiben? Die Probleme werden eher größer, und da muss man sehen, was zu tun ist.

 

KNA: Wer hat sich mehr verändert, die Partei oder die Kirche?

Schlemmer: Beide haben sich stark verändert. Die CSU ist zu einer Volkspartei mit einer starken katholischen Repräsentanz geworden, doch die Protestanten haben aufgeholt. Der konfessionelle Gegensatz hat sich abgeschliffen. Früher brauchte der katholische Kultusminister zwingend einen evangelischen Staatssekretär, sonst drohte eine Regierungskrise. Die Kirche wiederum ist zwar noch nicht in einer Minderheitenposition, doch nichts ist mehr so naturgegeben wie früher, und das spiegelt sich im Alltag.

 

KNA: Was kann das vielzitierte „C“-Profil heute für Politiker wie Seehofer, Söder oder andere noch für eine Rolle spielen?

Schlemmer: Für Seehofer spielt es eine große Rolle. Er kommt nicht von ungefähr aus der Sozialpolitik, die Orientierung an der katholischen Soziallehre zieht sich in seiner Karriere durch. Bei Söder ist nicht ganz deutlich, was tatsächlich internalisierte Überzeugungen sind und was angelernter Habitus. Viele CSU-Mitglieder versuchen ihr Handeln am christlichen Menschenbild auszurichten. Und an der Basis sind die Vernetzungen noch immer stark, etwa zwischen katholischen Laienorganisationen und CSU-Ortsverbänden. (Interview: Bernd Buchner/KNA)