Theologie

Die Bibel und Homosexualität

Wie steht die Bibel zu Homosexualität? Für Kapuzinerpater Jens Kusenberg darf dabei der Kontext der Heiligen Schrift nicht außer Acht gelassen werden.

Sechs Bibelstellen werden für die Diskussion über Homosexualität herangezogen. © Carlos R - stock.adobe.com

Homosexualität gibt es in der Bibel nicht. Schwul, lesbisch, LGBTQ* sind Bezeichnungen, die in der Bibel nicht zu finden sind. Zumindest nicht in unserem heutigen Sinn. Außerdem sind die Texte, die für eine Diskussion herangezogen werden, sehr rar. Es handelt sich um sechs. Und diese sechs Textstellen sprechen eben nicht in unserem heutigen Sinn von Homosexualität. Sie reden gar nicht von Homosexualität.

Aus dem Alten Testament wird in der Diskussion um Homosexualität häufig die Geschichte von Sodom und Gomorra (Gen 19) herangezogen. Eine Parallelerzählung dazu findet man im Buch der Richter (Ri 19). Da sollen Männer auf der Reise herausgegeben werden, damit man mit ihnen Geschlechtsverkehr hat.

"Den Tod verdient"

Etwas komplexer sieht die Sache beim sogenannten Heiligungsgesetz aus. Im 18. und 20. Kapitel des Buches Levitikus scheint die Sache eindeutig zu sein: „Schläft einer mit einem Mann, wie man mit einer Frau schläft, dann haben sie eine Gräueltat begangen; beide haben den Tod verdient […].“ (Lev 20,13) Das ist ja wohl eindeutig! Allerdings werden einige Verse vorher der Verzehr von Meeresfrüchten (Lev 11,10) und von Blut (Lev 19,26) mit ähnlichen Worten verboten. Schlechte Aussichten für Frutti-di-Mare- und Blutwurst-Liebhaber! In zwei Paulusbriefen und einem der Pastoralbriefe gibt es Aussagen zu Knabenschändern und Lustknaben, zu Menschen, die sich in sich selbst verlieben und deshalb mit ihrem eigenen Geschlecht Sex haben (Röm 1,26f; 1 Kor 6,9ff und 1 Tim 1,10).

Es dreht sich in der Bibel nie um zwei Menschen, die sich auf Augenhöhe begegnen. Die Liebe, Vertrauen und Verantwortung füreinander leben wollen. Eine solche Vorstellung gibt es noch nicht so lange. Sie bildete sich erst im 19. Jahrhundert heraus. In der Bibel wird nie über solche Beziehungen geschrieben, weil es sie der Vorstellung nach nicht gab.

Das Buch Levitikus


Das Buch Levitikus ist das Zentralbuch der Thora. Gerahmt wird es von den Büchern Genesis und Exodus auf der einen und Numeri und Deuteronomium auf der anderen Seite. In Levitikus wird immer mehr deutlich, wer dieser Gott und wer sein Volk ist. Gottes Eigenschaft ist die der Heiligkeit: Reine Güte und Liebe ohne Schatten sind sein Wesen und machen diese Heiligkeit aus. Diese Heiligkeit wird auch Anspruch seines Volkes.

Es ist nicht einfach nur Gott, der heilig ist. Sondern der Weg für sein Volk zu mehr Leben. Da dies schier unmöglich ist, wenn man dies aus eigener Kraft versucht, kommt Gott seinem Volk zu Hilfe. Das Verhalten seines Volkes ist verbunden mit Gott. Sein Volk konstituiert sich aus Gottes Heiligkeit als soziale Gemeinschaft. Diese Beziehung in Heiligkeit ist der Traum des Buches Levitikus. Sie ist Zielpunkt des guten Lebens.

Ein näherer Blick auf die Schriftstellen: Bei der Geschichte aus der Genesis und dem Buch Richter dreht es sich nicht um Homosexualität, sondern um die Ausübung von sexualisierter Gewalt an Fremden. Die Fremden sollen gedemütigt werden. Es geht um Machtmissbrauch. Ansonsten wäre es wohl der einmalige Fall in der Antike, dass es sich um eine Stadt in der Genesis handelt, in der nur Homosexuelle leben, die auch noch jeden Fremden zum Sex nötigen. Die Absurdität dieser Vorstellung führt dann doch sehr schnell zur ersten Deutung, nämlich zu Machtmissbrauch, Erniedrigung und Vergewaltigung.

Soziale Dimension der Sexualität

Im sogenannten Heiligungsgesetz aus dem Buch Levitikus dreht es sich ebenfalls nicht um Homosexualität im heutigen Sinn. Hier werden Formen von Sexualität verurteilt, die die eigene Lustbefriedigung über das Wohl des Volkes Israel stellen. Die soziale Dimension unserer Sexualität wird in den Blick genommen. Sie ist entscheidend in der Kommunikation zwischen Gott und seinem Volk.

In den Schriften des Neuen Testaments ist auffällig, dass in den Evangelien rein gar nichts zu Homosexualität zu finden ist. Die drei Briefstellen beziehen sich in ihrem Kontext auf die griechische Kultur. In diese Kultur waren die ersten Christen eingebunden. Es gab Männerbeziehungen, die nicht auf Augenhöhe waren. Da waren ältere Männer, die sich mit Lustknaben vergnügten, die nur halb so alt waren wie sie selbst. Paulus wittert hier, nicht unbegründet, Kindsschändung.

Texte aus einer anderen Welt

All diese Textstellen sind in einer Welt und Vorstellung angesiedelt, die mit unserer Vorstellung von Homosexualität und Queer-Sein als angeborener Eigenschaft, als Identität und Entfaltung der eigenen Persönlichkeit nicht übereinstimmt. Die erniedrigende und abwertende Verurteilung von Menschen, die nicht heterosexuell sind, mithilfe der Heiligen Schrift ist im Letzten fundamentalistisch, weil der Kontext außer Acht gelassen wird. Wäre es nicht besser, wenn wir die Schrift mit folgender Brille lesen: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh 10,10)? (Bruder Jens Kusenberg OFMCap)