Monat der Spiritualität

Deshalb ist das Beten mit Kindern wichtig

Kinder sind neugierig und wollen Dinge begreifen. Dieses Interesse schafft eine Plattform um ihnen das Gebet näher zu bringen.

Familie betet am Tisch.

München – "Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm!“ – so klangen sie, die Gebete aus meinen Kindertagen. Ob ich damals als Kind verstanden habe, was ich da betete? Ich glaube, dass es darum gar nicht ging. Man wurde in die Gebetspraxis der Familie eingeführt und betete einfach mit. Was die Gebete bedeuteten oder welcher Inhalt im Vordergrund stand, war eher zweitrangig. Vielleicht liegt es auch daran, dass viele Menschen, wenn sie ihren Kinderschuhen entwachsen waren, auch mit solchen Gebetspraktiken aufhörten. Denn wenn ich etwas nicht verstehe und es als sinnvoll erlebe, warum soll ich dies in meine Alltagspraxis übertragen und fortführen?

Die Bitte, dass der liebe Gott mich fromm machen möge, damit ich das Ziel meines Lebens erreiche, stand im Einklang mit dem Katechismus, den man als guter Christ präsent hatte. Das Auswendiglernen der Katechismussätze, wie es in meinem Religionsunterricht noch üblich war, führte diesen Ansatz fort: Es gab eine Fülle von Lehr- und Glaubenssätzen und entsprechende Gebete, die man kennen und praktizieren sollte; dann war man als Christ auf dem richtigen Weg.

Das Kind im Vordergrund

In diesem „deduktiven Ansatz“ ging es darum, von oben herab die Fülle des Glaubens auszugießen, damit das Kind die Inhalte und Formen aufnimmt. Alle anderen Faktoren wie Entwicklungsstand, religiöse Vorkenntnisse, soziokulturelle Aspekte spielten wie die Vermittlungsform etwa durch eine kindgerechte Sprache eine eher nachgeordnete Rolle.

Heute hat sich dieser Ansatz gewendet, wenn von einem „induktiven Ansatz“ die Rede ist. Da rückt das Kind in seiner Verfasstheit mit seinen Erfahrungswerten und seinem Interesse in den Vordergrund und ist Ausgangsposition einer Gebetserziehung. Was sind die Geschehnisse, die ein Kind bewegen? Wie ist sein emotionaler Zustand? Was beschäftigt das Kind? Alle diese Aspekte bilden eine ideale Basis, damit das Kind das Gebet nicht als „übergestülpt“ erlebt, sondern als eine Möglichkeit, zu kommunizieren und Fragen und Anliegen, Emotionen und Erkenntnisse vor Gott zu bringen. Gerade die Frage des Kindes, also das Interesse aus Neugier heraus, etwas zu begreifen und zu verstehen, schafft eine Plattform, um in eine Gebetspraxis hineinzuwachsen.

Pater Alfons Friedrich
Pater Alfons Friedrich © Caritas/ Thomas Klinger

Hast du mich lieb? Manchmal bin ich traurig; wer tröstet mich? Warum bin ich wütend? Diese Fragen resultieren aus dem Erleben des Kindes und beschäftigen sich mit existentiellen Fragen. Wer bin ich? Wer ist für mich da? Wie gehe ich mit meinen Erfahrungen und den damit entstandenen Emotionen um? Natürlich lernt das Kind erst im Laufe seiner Entwicklung diese Fragen zu formulieren, aber die Erfahrungen dazu begleiten es von Beginn an. Wende ich mich als Bezugsperson liebevoll meinem Kind zu? Zeige ich ihm durch Streicheln und Kuscheln, dass ich es lieb habe? Tröste ich es in schwierigen Situationen?

„Du bist wichtig und wertvoll!“

All diese Erfahrungen sind von wesentlicher Bedeutung im Entwicklungsprozess des Kindes und damit auch in seiner religiösen Deutung. Wie will das Kind an einen „lieben Gott“ glauben, wenn es Zuwendung und Nähe durch die Eltern nicht erfährt? Die Aussage „Du bist wichtig und wertvoll!“ begreift das Kind erst im Laufe der Zeit; aber die Erfahrung der unbedingten Akzeptanz von Anfang an schafft die Ausgangsbasis für eine Selbst- und eine Fremdannahme. Sich selbst, den Nächsten und Gott zu lieben, bleibt dann nicht ein Gebot, sondern wird zu einer Lebenserfahrung, wenn das Kind diese Erfahrung immer wieder in seinem Leben machen kann.

Miteinander Entdecker werden

Warum geht die Sonne auf? Wer hat die Welt gemacht? Wie wachsen die Bäume? Ein Kind schaut staunend in die Welt und will begreifen, was geschieht. Seine Fragen unterstützen diesen Aneignungsprozess, der die gesamte Erfahrungswelt umfasst. Erfahrungen mit deutenden Erklärungen prägen sein Bedürfnis nach Lernen von Neuem. Wenn ich als Bezugsperson diese Fragen und damit das Kind ernst nehme und mich darauf einlasse, beginnt ein gemeinsamer Prozess. Die eigenen Erkenntnisse werden damit zunehmend reflektiert und in kleine Einheiten umgesetzt, die entsprechend vermittelt werden müssen.

Der Sankt Michaelsbund lädt im Rahmen des Monats der Spiritualität am Samstag, 16.11, um 10 Uhr zu dem Workshop "Beten mit Kindern" für Eltern und Erzieher/innen und Interessierte mit Pater Alfons Friedrich SDB in die Buchhandlung Michaelsbund ein. Um Anmeldung wird gebeten unter der Telefonnummer 089 / 23225420.

Wenn in meinem Deutungssinn eine religiöse Komponente bestimmend ist, dann werde ich meinem Kind auf seine Fragen auch diese Aspekte einer Welt-, Natur- und Kulturdeutung vermitteln. Gerade Bilder helfen in diesem Prozess, da man miteinander zu Entdeckern und Deutern wird. Schaut man sich eine kindgerechte Darstellung der Erschaffung der Welt in einer Kinderbibel an, so bieten sich viele Aspekte an, um mit dem Kind zu sprechen. Und wenn ich das gemeinsame Betrachten mit dem kurzen Gebetssatz abschließe „Lieber Gott, schön, dass du alles so gut gemacht hast!“, dann erfährt das Kind meinen Erklärungsgrund. Es nimmt wahr, dass es einen Gott gibt, der Schöpfer ist, der sich um alles kümmert und der zu seiner Schöpfung mit allen Pflanzen, Tieren und Menschen steht.

Im Gebet miteinander sprechen

Warum ist der Vogel tot? Warum ist die Oma gestorben? Musst du auch mal sterben? Die Fragen nach dem Woher und Wohin gehören mit zum Hineinwachsen ins Leben und sind schwer zu beantworten. Sollten sie deshalb lieber unbeantwortet bleiben? Das Kind macht seine Erfahrungen mit dem Sterben und dem Tod und braucht eine Deutung. Das Gebet als deutende Antwort gewinnt auch hier eine besondere Bedeutung, bringt es doch etwas ins Wort, das so schwer auszusprechen ist. Alle Hinweise auf Krankheit oder Alter oder den tragischen Unfall erklären zwar das Geschehen, aber die Fragen nach dem, wo jetzt der Vogel ist und wo die Oma jetzt lebt, werden dadurch nicht beantwortet. Im Gebet drücke ich aus, dass ich für jemanden und mit jemandem sprechen kann. Ich erinnere mich an die Person, ich lasse sie gegenwärtig werden, ich bekomme eine Hoffnung für mich. „Lieber Gott, wir können die Oma nicht mehr sehen, sie nicht mehr anfassen und mit ihr kuscheln. Sie fehlt uns allen. Aber wenn wir an sie denken, dann ist sie irgendwie in uns. Du lässt sie jetzt bei dir wohnen. So lebt sie weiter. Pass gut auf sie auf. Und Oma, pass gut auf uns auf!“

Religiöse Überzeugung reflektieren

Beten mit Kindern – das ist schließlich auch eine gute Möglichkeit für jeden Erwachsenen, seine eigene religiöse Überzeugung zu reflektieren. Die Fragen der Kinder helfen dabei, meinen eigenen Glauben zu überdenken und zu erkennen, wo ich selbst noch im Kinderglauben verhaftet bin oder wo auch mein Glaube mit mir mitgewachsen ist. Erlebe ich Gott als die Kraft in meinem Leben, die mich führt und begleitet, die mich aufbaut und mir Halt gibt, dann möchte ich dies meinen Kindern zeigen. Und dann kann ich auch beten: „Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm!“ (Pater Alfons Friedrich, Pfarradministrator im Münchner Pfarrverband Haidhausen und Salesianer Geschäftsführer der Don Bosco Medien)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Monat der Spiritualität