Medienethik

"Der Meinungsmarkt hat sich pluralisiert"

Am 3. Mai wird der Internationale Tag der Pressefreiheit begangen. Im Interview erklärt der Medienethiker Alexander Filipovic, warum Meinungsfreiheit Grenzen hat, aber in Deutschland entgegen Vorwürfen von Populisten keine Meinungen unterdrückt werden.

Alexander Filipovic ist Professor für Medienethik an der Hochschule für Philosophie in München. © KNA

mk online: Wie definieren Sie als Medienethiker Meinungsfreiheit?

Alexander Filipovic: Meinungsfreiheit ist ein komplexes Gebilde. Es besteht aus der Freiheit, seine Meinung zu äußern, aber auch sich aus den unterschiedlichsten Quellen zu informieren, um eigene oder fremde Meinungen prüfen zu können. Und natürlich sind nicht alle Meinungen wahr. Meines Erachtens hat niemand das Recht im Namen der Meinungsfreiheit Unwahrheiten zu verbreiten.

Rechtspopulisten klagen gerne über ein Kartell der etablierten Medien, die bestimmte Meinungen unterdrücken. Was ist an diesem Vorwurf dran?

Filipovic: Das behaupten nicht nur Rechts – sondern auch Links – und andere Populisten. Wenn man eine Meinung von sich gibt, die viele andere Menschen für falsch halten, dann muss man damit rechnen, dass man dafür kritisiert wird. Diese Kritik an der eigenen Weltsicht wird von vielen Menschen dahingehend fehlinterpretiert, dass sie ihre Überzeugung nicht äußern dürfen. Sie glauben, dass ihre Meinung stimmt und sind irritiert, dass sich jemand gegen sie wendet. Die Populisten behaupten nun gern, dass ihre Meinung unterdrückt wird, was überhaupt nicht der Fall ist. Aber natürlich gibt es auch Kommunikationsverhältnisse, die es jemandem nicht leichtmachen, abweichende Meinungen zu äußern.

Wie äußert sich das?

Filipovic: Also wenn man aggressiv zusammengeschrien wird, was in den Sozialen Medien vor allem schriftlich geschieht. Eine sachorientierte Diskussion mit kühlem Kopf ist dann in vielen Foren oft nicht mehr möglich. Viele Nutzer informieren sich aus alternativen Quellen und wollen dann in ihrer Haltung bestärkt werden. Wenn sie dann scharf angegangen oder beschimpft werden, ziehen sie sich zurück und tauschen sich nur noch mit Gleichgesinnten aus. So entstehen Blasen, in die keine anderen Meinungen mehr vordringen oder grundsätzlich abgelehnt werden. Man sollte auch nicht irritiert weggucken, wenn verschwörungsnahe Meinungen geäußert werden, sondern versuchen, das diskursiv zu klären.

Bei der Meinungsbildung haben in den vergangenen Jahrzehnten Tageszeitungen, politische Magazine und öffentlich-rechtlicher Rundfunk mit hohen journalistischen Qualitätsmaßstäben wichtige Rolle gespielt. Inwieweit haben sie an Deutungshoheit verloren?

Filipovic: Sicherlich hat sich der Meinungsmarkt pluralisiert. Dadurch ergibt sich auch das Problem, dass man nicht genau wissen kann, welche Informationen stimmen und ob man den Quellen vertrauen kann. Das schafft Verunsicherung. Der klassische oder Qualitätsjournalismus hat die Aufgabe, Informationen auf Richtigkeit und Wahrheitsgehalt zu prüfen. Ich glaube, dass wir da eine sehr gute Situation und Wahrnehmung bei diesen Medien und der öffentlichen Kommunikation haben. Natürlich gibt es immer auch Fehlleistungen, etwa wenn die öffentlich-rechtlichen Medien zu stark in eine Richtung laufen, bestimmte Fragen zu spät erkennen oder auch konkrete Fehler in der Berichterstattung machen. Solche Fälle gibt es immer, aber ich glaube, die Qualität ist sogar besser als früher und das erkennen die meisten Mediennutzer auch.

Inwiefern hat denn die Coronakrise in den verschiedenen Medien eine verantwortete Berichterstattung erfahren?

Filipovic: Dazu kann ich jetzt nur persönliche Eindrücke äußern, allgemeine Studien gibt es noch nicht. Von daher muss ich als Medienethiker vorsichtig sein. Mir kommt die Berichterstattung vielfältig, sehr genau und informiert und teilweise auch kritisch vor. Bei den öffentlich-rechtlichen Sendern konnte man gelegentlich den Eindruck gewinnen, dass der Journalismus mithelfen möchte, die Krise im Sinne der Regierung zu lösen, was überhaupt nicht schlecht sein muss. Da muss man aber darüber nachdenken, ob Journalismus systemerhaltend sein muss und welche Aufgabe er in einer solchen Krisensituation hat. Das ist für den Journalismus und die öffentliche Kommunikation auch etwas ganz Neues. Auf der anderen Seite gibt es viele Fake News, doch ebenso Dienste, die sich damit beschäftigen und sie aufdecken. Ich habe im Großen und Ganzen einen ganz guten Eindruck von der Berichterstattung in der Coronakrise.

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de