Serie: Kirchturmgespräche

Der Kirchturm als Leuchtturm

In unserer Serie besteigen wir mit interessanten Gesprächspartnern hohe Kirchtürme in München. Diesmal erklärt Salesianerpater Alfons Friedrich, was für ihn der Kirchturm von St. Wolfgang bedeutet und warum er dem Himmel schon gefährlich nah war.

Pater Alfons Friedrich während des Turmgesprächs mit Chefredakteurin der Münchner Kirchenzeitung Susanne Hornberger

München – Wer hier hinauf möchte, darf keinen fülligen Körper haben. Sonst bleibt er in dem engen Durchlass, durch den die schwarze Sprossenleiter – einem Fitnessgerät durchaus ähnlich – ein Stockwerk höher führt, stecken. Das kann Pater Alfons Friedrich, Pfarrverbandsleiter im Münchner Stadtteil Haidhausen, rank und schlank, wie er ist, nicht passieren. Der 60-Jährige klettert flink voran und wartet am Ende der Leiter. Photograph und Redakteurin folgen langsamer, behutsamer. Ist er häufig im Turm anzutreffen? „Freiwillig?“, fragt Pater Friedrich lachend. „Ich geh’ vielleicht ein-, zweimal im Jahr hoch, um nach dem Rechten zu sehen.“

Nach zwei Etagen Fitness-Sprossen folgt nun der entspanntere Aufstieg auf der hellen Holztreppe. Unzählige Stufen und Etagen weiter, unterhalb der beeindruckenden Kirchturmglocken, bleiben wir stehen – unseren Ohren zuliebe. Elfmal erklingt das Geläut, laut, klangvoll, schön. Dann quetschen wir uns an ihm auf der steilen und engen Treppe vorbei, zwei Stockwerke höher. „Es gibt hier keine Aussichtsplattform, es fehlt der romantische Aspekt“, meint Pater Friedrich. Tatsächlich. Zunächst versperren große Lamellen die Aussicht auf Haidhausen, die Kirche, das Haus der Salesianer Don Boscos sowie das Kinderhaus „Casa Don Bosco“, weiter oben lassen klitzekleine Fenster mit kleinen Gittersprossen davor nur minimale Ausblicke zu.

Stärker zum Himmel schauen
Aussicht hin, Romantik her – für Pater Friedrich ist der neubarocke Turm, der 1920 gebaut, im Zweiten Weltkrieg zerstört und später wiederaufgebaut wurde, das Wahrzeichen Haidhausens. „In vielen alten Filmen des Bayerischen Rundfunks wird zu Beginn dieser Turm eingefangen“, erzählt uns der gebürtige Hildesheimer, „er ist für viele ein Stück Heimat. Das ist er auch für mich geworden.“ Der Turm von St. Wolfgang signalisiere ihm, dass die Kirche präsent sei in diesem Stadtteil, der sich in den vergangenen Jahrzehnten so gewandelt hat. „Insofern ist dieser Turm schon ein Leuchtturm, ein Sinnbild, dass Christus unter den Menschen wohnt.“

Ein wichtiges Zeichen, gerade in Zeiten schwindender Katholikenzahlen. Heute gehören zur Pfarrei St. Wolfgang noch 3.844 Katholiken, vor Jahrzehnten waren es noch 18.000. Aber von diesen ernüchternden Zahlen oder anderen Krisen lässt sich ein Pater Friedrich nicht die Flügel stutzen. „Wir müssen uns permanent auseinandersetzen mit den Herausforderungen, wir sind ja Teil des Systems.“ „Wir müssen vielleicht wieder stärker zum Himmel schauen, zu dem, der da hinaufgegangen ist, der diese Kirche gegründet hat und als guter Hirt vorangeht“, rät der 60-Jährige. Das bedeute für ihn: sich wieder neu bewusst zu werden, was es heiße, da zu sein, zu unterstützen, nachzugehen, zu helfen – „also nicht den eigenen Vorteil, die eigene Befriedigung in den Vordergrund zu rücken“.

Natürlich fühle er sich hier oben auf dem Turm von St. Wolfgang, gut 60 Meter über dem Erdboden, dem Himmel ein Stückchen näher, überlegt Pater Friedrich. Aber dieses Glücksgefühl erlebe er auch sehr stark in der Begegnung mit Menschen. „Wenn wir gemeinsam um unseren Glauben ringen, Schicksalsschläge oder wunderschöne Erlebnisse den Alltag durchbrechen – da ist uns der Himmel vielleicht ein bisschen näher.“

Der Kirchturm von St. Wolfgang in München Haidhausen.
Der Kirchturm von St. Wolfgang in München Haidhausen. © Götzfried

Einmal ist er dem Himmel gefährlich nah gekommen. Der Salesianerpater, ein absoluter Workaholic, hat vor drei Jahren einen Schlaganfall erlitten. Und „als er so kurz davor war hinüberzugehen“, habe er sich seine Gedanken gemacht, wie der Himmel aussehen könnte. „Eine große grüne Wiese, dort gehe ich mit meinem verstorbenen Hund spazieren“, erinnert er sich. Leider seien Maria und der liebe Gott nicht vorgekommen, erzählt er weiter, aber es war die Schöpfung, ein Zusammensein, mit dem, was dir lieb, teuer und vertraut ist. „Und deshalb wären Jesus und Gott auf alle Fälle mit dabei“, sagt der Geschäftsführer der Don Bosco Medien lächelnd.

Der Heilige Geist tritt dort zu Tage, wo man es nicht erwartet
Der Heilige Geist spiele für ihn auch eine „ganz entscheidende Rolle“, ergänzt er, und schwärmt von dem großen Mosaik in der Kirche St. Wolfgang, auf dem Menschen abgebildet sind, „die wie in einem Hochhaus nebeneinander leben. Je nachdem, wie das Tageslicht darauf fällt, leuchtet in diesen Wohnungen der Menschen etwas Goldenes auf.“ Das Gold könne man als das Wirken des Geistes Gottes interpretieren. „Es ist immer anders, aber immer wieder eine neue Erfahrung“, überlegt der Geistliche, „und das finde ich, ist Geist – etwas, das aufbricht, nicht fassbar ist und oft dort zu Tage tritt, wo man es nicht denkt.“ Ob er die Unterstützung des Heiligen Geistes selbst schon erfahren hat? Wenn er nicht weiterwisse, bete er. „Wenn man dann spürt, dass da was kommt, auch wenn man länger warten muss, ja, das ist dann das Wirken des Geistes Gottes.“

Natürlich ist niemand jeden Tag himmelhochjauchzend, sondern auch mal zu Tode betrübt. Selbst ein Pfarrer. Pater Friedrich hat da sein eigenes Rezept, auch wenn er immer spürt, dass da jemand ist, der ihn hält und trägt. „Ich glaube, wir brauchen Unterbrechungen, zu denen für mich im Alltag auch das Gebet gehört.“ Und: raus aus dem Stress, Distanz erreichen, indem man etwas anderes denkt, mit jemandem spricht, der einem guttut, einen Spaziergang macht oder ein Buch liest. Aber nicht weglaufen, sondern von oben überblicken und erkennen, „wo ist mein Weg, wo gibt es Hindernisse und wo ist es gerade richtig schön“. Dafür hat uns die Stunde auf dem Turm von St. Wolfgang doch das ein oder andere Auge geöffnet.

Die Autorin
Susanne Hornberger
Münchner Kirchenzeitung
s.hornberger@st-michaelsbund.de