St. Anton in München

Der goldene Schriftzug an der Klostermauer

Mauern sollen im Normalfall trennen. Die Mauer zum ehemaligen Kloster St. Anton wird zur Vermittlerin einer biblischen Botschaft. So wurde ein Paulus-Wort zum Kunstobjekt.

„Und wüsste ich alle Geheimnisse und hätte ich alle Erkenntnis und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts.“, steht in goldener Schrift an der Klostermauer St. Anton.

Immer noch reckt sich, wenn die Ampel an der Kreuzung Kapuziner-/ Isartalstraße auf Rot steht und so die Autofahrer zu einer unfreiwilligen Kurzpause gezwungen sind, bis heute der eine oder andere Hals neugierig im Versuch, die goldene Schreibschrift auf der alten Klostermauer von St. Anton in ihrer vollen Gänze zu erfassen. Schwieriges Unterfangen, sofern man nicht (und wer besitzt diesen schon?) über einen Panoramablick verfügt, der die gesamte Länge von rund 50 Metern Ziegelmauer an der Kapuzinerstraße zu fassen vermag.

Die Unterbrechung dauert nur kurz. Springt die Ampel auf Grün, wird wieder Gas gegeben. Ein winziger Einschnitt in den Alltag durch Worte, die über den Augenblick hinausgehen: Seit 13 Jahren prangen hier Zeilen aus dem bekannten 13. Kapitel des ersten Briefs des Apostels Paulus an die Korinther: „Und wüsste ich alle Geheimnisse und hätte ich alle Erkenntnis und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts.“

Umbau für dreifache Nutzung

Das „Hohelied der Liebe“ im öffentlichen Raum, ein interessantes Projekt, das die Künstlerin Sabine Kammerl 2008 zum Abschluss des großen Klosterumbaus an dieser Stelle umsetzte. Damals wurde das alte Kapuzinerkloster St. Anton für die stattliche Summe von über elf Millionen Euro innerhalb von zwei Jahren für eine zukünftige Dreier-Nutzung umgebaut: Orden, Pfarrei und das Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchses (ifp), die Journalistenschule der katholischen Kirche in Deutschland, sollten sich zukünftig in guter Nachbarschaft moderne Räume im renovierten denkmalgeschützten Gebäudekomplex miteinander teilen.

Klar, dass bei so einer Gesamtsumme auch noch ein wenig für „Kunst am Bau“ übrigblieb, also für die Verpflichtung des Bauherrn, aus seinem baukulturellen Anspruch heraus einen gewissen Anteil der Kosten für Kunstwerke zu verwenden.

Klostermauern sollen eigentlich trennen

Was Kammerl in ihrem Projekt „Die Mauer als Medium“ umsetzte, ist bis heute ebenso verblüffend einfach wie beeindruckend. Mauern existieren eigentlich vor allem deswegen, um zu trennen und abzugrenzen, eine Klostermauer zumal. Allein das Wort „Kloster“ vom lateinischen „claustrum“, Verschluss, Riegel, Sperre, erinnert daran. Das Kloster will ein Ort der Gottsuche sein, möglichst wenig soll die Ordensleute von dieser Suche ablenken. Hierfür braucht es den geschützten Innenraum der „Klausur“, den Raum des Ganz-bei-sich-Seins. Die Klostermauer soll vom hektischen weltlichen Außenraum abschirmen, entschleunigen, bewahren.