Der Wirt als Seelsorger

Der Glaube gibt Wiesn-Wirt Wiggerl Hagn eine Richtlinie

Sein Markenzeichen sind der gezwirbelte Bart und seine bayerische Herzlichkeit. Für Wiggerl Hagn ist es heuer die 63. Wiesn - damit ist der 78-Jährige der dienstälteste Wirt auf dem Oktoberfest. Ein Wirt mit Leib und Seele - und einem tiefen Glauben.

Wiggerl Hagn ist Wirt mit Leib und Seele.

Münchem – Er ist ein „gstandenes Mannsbild“. Einer, der immer einen flotten Spruch auf den Lippen hat und gleichzeitig stets Gentleman ist. Einer von der Sorte, die auszusterben droht. Wiggerl Hagn ist nicht nur der berühmteste Wirt Bayerns, sondern ein Bayer, wie er im Bilderbuch steht. Nicht nur wegen seines „aufdrahten“ Bartes, sein Markenzeichen seit 40 Jahren. Wiggerl Hagn hat das Herz am rechten Fleck, hört sich Sorgen und Nöte seiner Gäste an und setzt sich für Arme und Bedürftige ein. Der Glaube gibt ihm eine Richtlinie, die Zehn Gebote leiten ihn.

„Die Zehn Gebote sind nichts anderes als Menschenrechte“, erklärt Hagn in seinem gepflegten Bairisch, „nach denen man leben sollte.“ Ja, er glaube „uneingeschränkt an Gott – aber ich bin net bigottisch“, sagt der 78-Jährige. In der Klosterschule in Illertissen drückte der kleine Wiggerl die Schulbank. Die Eltern, Wirtsleute, erzogen den Stammhalter streng katholisch, noch heute kann er jedes Lied in der Kirche auswendig. „Ich hoffe, irgendwann mal da hinzukommen, wo ich net die ganze Zeit im Feuer sitze“, lächelt Hagn, „ich geh davon aus, i komm in Himmel, des wird a jeda moana, er kommt in Himmel – und da trifft ma alle Leit wieder. Aber was ist mit denen, die in der Hölle sind und die ich auch gern mag?“ Deshalb stellt sich der Wiesn-Wirt auch gar nicht erst vor, wie das Leben nach dem Tod aussehen könnte. „Für mich ist der Himmel schon so wie der Brandner Kasper, der ins Paradies schaut“, überlegt Hagn weiter und schaut in die Ferne, „man stellt sich den Himmel als bayerischen Himmel vor, net ganz falsch, aber auch net ganz richtig.“

Für sein Engagement mehrfach ausgezeichnet

Wiggerl Hagn setzt sich mit seinem Glauben auseinander, für ihn ist Religion auch Respekt haben vor dem anderen, selbstverständlich auch vor den Menschen, die weniger haben, mit denen es das Leben nicht so gut gemeint hat. Für sie macht der Gastronom häufig etwas, setzt sich karitativ ein, ohne es an die große Glocke zu hängen, beispielsweise für die „Münchner Tafel“ oder als Pate der evangelischen Kirchenküche am Münchner Hart, ein Amt, das er von Rudolph Mooshammer übernommen hat. Für sein Engagement wurde Hagn mit dem Bundesverdienstkreuz, dem Bayerischen Verdienstorden und der Medaille „München leuchtet“ ausgezeichnet. Er halte es für seine Pflicht, anderen, denen es nicht so gut geht, zu helfen, „bloß was man tut, ist sowieso immer zu wenig, es ist einfach zu wenig“.

Der traditionelle Oktoberfest-Gottesdienst findet in diesem Jahr am 27. September um 10 Uhr im Marstall-Festzelt auf der Theresienwiese statt. Seit Jahrzehnten findet der Oktoberfest-Gottesdienst immer am Donnerstag der ersten Festwoche statt, lange Zeit im Festzelt Hippodrom, seit 2015 im Marstall-Festzelt. Der Gottesdienst ist in erster Linie ein Angebot an die Schausteller und Festwirte; aber auch die Besucher des Oktoberfestes sind eingeladen.

Zur Eröffnung seines Gasthauses Hirschau im Englischen Garten in München vor fünf Jahren hat Wiggerl Hagn keine Prominenten eingeladen, sondern Verkäufer der Zeitschrift „Biss“, Menschen, die obdachlos waren oder noch sind. „I fühl mich sauwohl, wenn ich sie einlade, ich unterhalte mich gerne mit ihnen.“ Reden, kommunizieren – das muss ein Wirt eben mit jedem können. „In gewissem Sinn ist ein Wirt auch ein Seelsorger“, sagt Hagn und lächelt, „weil die Leut mit ihren Sorgen wie Todesfällen, Krankheiten oder dass ihr Geschäft pleite ist zum Wirt kommen – und allein sich aussprechen zu können, ist schon mal Trost für einen.“ Kann er da auch helfen? „Eigentlich immer“, antwortet er wie aus der Pistole geschossen, „des is ganz gleich, ob des materielle oder geistige Hilfe is oder dass man jemand zum Essen einlädt.“ Wiggerl Hagn redet eben nicht nur, sondern macht. Auch auf der Wiesn, im weltberühmten Löwenbräuzelt, das er seit 1979 führt.

Wiggerl Hagn im Gespräch mit der Chefredakteurin der Münchner Kirchenzeitung, Susanne Hornberger.
Wiggerl Hagn im Gespräch mit der Chefredakteurin der Münchner Kirchenzeitung, Susanne Hornberger. © Kiderle

Heuer ist es seine 63. Wiesn, damit ist Wiggerl Hagn der dienstälteste Wirt auf dem Oktoberfest, 23-jährig war er dort der Jüngste. Mit Leib und Seele ist er Wirt, für ihn ist es kein hartes Geschäft, sondern Berufung und Hobby. Wenig verwunderlich, ist der kleine Wiggerl doch in der Gaststätte seiner Eltern großgeworden. „I bin halt von der Schule heimgekommen, wenns pressiert hat, hab ich Besteck putzen müssen, also spülen, trockenreiben, polieren – Kinderarbeit“, lacht Hagn. Der Vater wollte, dass er Tierarzt wird, doch dessen früher Tod forderte eine andere Entscheidung: 1956, 17 Jahre jung, unterstützt Wiggerl seine Mutter im Schützenzelt. „Dann bin i halt Wirt geworden, was mir heit liaba is“, grinst er. Überhaupt lacht er sehr gerne, ist offen und entwaffnend ehrlich. „Na, na, I hab vor nix Angst“, kommt es aus tiefster Seele, „wenn Sie mal so alt sind wie ich, haben Sie Ihr Leben schon hinter sich, da brauchen Sie sich vor nichts mehr zu fürchten.“ Diese Einstellung mag vielleicht auch daran liegen, dass Wiggerl Hagn an Schutzengel glaubt. „Man sieht ihn nicht, man hört ihn nicht, man riecht ihn nicht“, zählt er sachte auf, „aber wenn, isser einfach da.“ Er selbst habe seinen Schutzengel schon oft herausgefordert. Beim Autofahren? „Ja, a – scho.“ Der 78-Jährige zieht den Satz grinsend in die Länge. Nach einem epileptischen Anfall ist ihm einer „frontal reingefahren – und ich hab überhaupt nichts gehabt außer einer Schürfwunde am Kopf – das war der Schutzengel.“ Diesen Unfall haben zwei andere nicht überlebt.

Ein Familienmensch

Wie er aus einem Stimmungstal herauskommt? Indem man sich nicht länger damit beschäftigt, kommt die prompte Antwort, „einfach abschalten, weil ich sag, es muss weitergehen“. Eine seiner Stärken. Hat er denn auch Schwächen? Hagn lacht. „Schwäche hab i koane, da hilft ma mei Frau scho, dass ich koane hab.“ Ehefrau Christa geht mit ihm seit über 50 Jahren durch dick und dünn. Tochter Stephanie Spendler ist seit 2000 an seiner Seite Wirtin im Löwenbräuzelt, „sie kümmert sich perfekt um die Gäste“, schwärmt der stolze Papa und lässt durchscheinen, wie sehr er ein Familienmensch ist. Nur bei einem Thema verzieht er das Gesicht. „Was i gar net daback ist unqualifizierter Neid.“ Jeder denke, dass der Wiesn-Wirt zu viel verdiene, keiner sehe jedoch die tatsächlichen Zahlen. Alleine das Bierzelt auf- und abzubauen koste 2,4 Millionen Euro, „das muss erwirtschaftet werden“. Doch auch das haut ein gstandenes Mannsbild net um, der nach seinem Motto agiert „leben und leben lassen“. Ob er denn eine Jugendsünde habe? Da blitzt der Schelm aus seinen blauen Augen. „Hm“, überlegt er laut, „eigentlich net, mei“, kurzes Schweigen, „die san verjährt“, fügt er spitzbübisch hinzu.

Die Autorin
Susanne Hornberger
Münchner Kirchenzeitung
s.hornberger@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Wiesn