Meinung
100. Geburtstag

Der ewige Papst

Für Autor Thomas Stöppler war Johannes Paul II. DER Papst und das hat sich bis heute gehalten – trotz seiner beeindruckenden Nachfolger.

Die Bilder des totkranken Papstes, der stumm den Urbi et Orbi Segen spendet, haben sich dem Autor Thomas Stöppler ins Gedächtnis gebrannt. © imago images / epd

München – Als ich geboren wurde, saß Johannes Paul II. schon fast ein Jahrzehnt auf dem Heiligen Stuhl und als ich gerade Abitur machte, starb er. Fast 27 Jahre war der Mann der Papst. Auch wenn ich wusste, dass ein Papst gewählt wird, war ich dennoch überrascht, dass nicht einfach ein neuer vom Himmel fiel. Bundeskanzlerwahlen hatte ich erlebt – wenn sich da auch die Wechsel in Grenzen hielten – und außerdem waren Wahlen bei uns zu Hause immer ein großes Thema – vielleicht wären es auch Papstwahlen gewesen, aber es gab ja keine.

Aber ich glaube, noch viel überraschter war ich, als Benedikt zurücktrat. Ich glaube, weniger wegen des Rücktritts selbst, sondern weil ich wie selbstverständlich davon ausging, jetzt die nächsten 27 Jahre den gleichen Papst zu haben – mindestens. Natürlich eine vollkommen naive und eigentlich dumme Vorstellung, war der Mann doch schon 87. Aber die Beständigkeit im Vatikan war eben eine Selbstverständlichkeit geworden.

Ein langer Abschied

Ähnlich erging es mir mit Helmut Kohl. War Joannes Paul II. „der“ Papst, so war Helmut Kohl „der“ Bundeskanzler – bis 1998 der Wendebonus hinfällig geworden war und die Landschaften im Osten immer noch nicht blühten. Johannes Paul II. wäre wohl auch nicht abgewählt worden, wenn abgestimmt worden wäre. Für seine Beliebtheit sprechen Selig- und Heiligsprechung in Rekordzeit. Selten war ein Pontifex durch die Bank populärer als Johannes Paul II. Liberale wie Konservative konnten sich zwar immer wieder an ihm reiben, aber er verstand wie kaum ein anderer, immer alle mit ins Boot zu holen.

Die Bilder des totkranken Papstes, der stumm den Urbi et Orbi Segen spendet, sind mir bis heute ins Gedächtnis gebrannt. Es war ein langer Abschied, den Johannes Paul II. nehmen musste. Dieser Mann, der schon so viel überlebt hatte: Zwei Attentate, bei einem davon trafen ihn zwei Kugeln, Krebs und nun schon seit Jahren eine schwere Parkinsonerkrankung. Es war, als könnte Johannes Paul II. noch nicht gehen, als müsste er, der Papst der Versöhnung, noch weiter alle Beziehungen der Welt ins Reine bringen.

Der „ewige Pontifex“ Johannes Paul II. (eigentlich war es „nur“ die zweitlängste Amtszeit in der Geschichte der Päpste) ist für mich immer noch der erste Papst, der mir einfällt, wenn abstrakt vom katholischen Kirchenoberhaupt gesprochen wird. Und das obwohl ich deutlich intensivere Beziehungen zu Benedikt XVI. oder Franziskus habe. Mit diesem Gefühl bin ich auch nicht allein. Für Menschen, die zwischen 1970 und 1990 geboren wurden, gab es quasi keinen anderen Papst.

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