100 Jahre Freistaat

Das „rote“ und das „richtige“ Bayern

Der Ex-Biermösl Hans Well hat eine Doppel-CD über Bayerns Revolution vor 100 Jahren veröffentlicht.

Hans Well und die „Wellbappn“ haben das Revolutions-Hörspiel musikalisch gestaltet

München – "Also ich habe in meiner Schulzeit jedenfalls nix davon gehört“, erinnert sich Hans Well, beziehungsweise er erinnert sich eben nicht. Dabei seien doch damals viele sinnvolle Dinge angestoßen worden wie das Frauenwahlrecht zum Beispiel, wundert sich der inzwischen 65-Jährige. Aber die Schulzeit ist ja auch schon ein bisschen her und er hatte Zeit und Gelegenheit sich zu informieren: 100 Jahre Freistaat heißen nämlich auch 100 Jahre Revolution in Bayern.

Well hat zu diesem Anlass mit Freunden, Kollegen und seinen Kindern ein Hörspiel mit dem Titel „Rotes Bayern – Es lebe der Freistaat: Die Münchner Revolution 1918 und die Räterepubliken 1919“ produziert. Darin führt Gisela Schneeberger durch das Haus der Bayerischen Geschichte. Um genau zu sein, durch den Keller, der der Öffentlichkeit eigentlich nicht zugänglich ist, denn dort liegen die Dokumente zur Räterepublik. Das Hörspiel besteht zu einem großen Teil aus Kommentaren von Zeitgenossen. Kritische Stimmen wie die der Schriftsteller und Essayisten Victor Klemperer und Josef Hofmiller sind zu hören, und der Schauspieler Bernhard Butz liest Texte von Oskar Maria Graf, der als Beobachter die Geschehnisse um den späteren Ministerpräsidenten Kurt Eisner kommentierte.

Keine "Staatsgläubigen"

Die musikalische Einbettung darf bei Hans Well natürlich nicht fehlen. Seine „Wellbappn“ haben sich dafür an bayerischer Volksmusik orientiert. Die Melodie des Hauptgestanzls zum Beispiel stammt vom Kneißl-Lied der Biermösl Blosn. Aufrührerisch soll es also zugehen, denn „der Kneißl war sicher kein Staatsgläubiger“, erklärt Well lakonisch. Kurt Eisner und Kollegen waren das wohl eher auch nicht.

Das CD-Cover des Revolutions-Hörspiels
Das CD-Cover des Revolutions-Hörspiels © www.hans-well.de

Wer die bissigen Texte von Hans Well bei der Biermösl Blosn kennt, weiß, dass auch ein Hörspiel von ihm über Kurt Eisner und die Räterepublik nicht ohne Kommentare zum heutigen Bayern auskommt. „Man bettet’s so a bissl ein“, sagt er lachend. Ihn wurmt, dass die bayerische Regierung sich jahrzehntelang geweigert habe, anzuerkennen, was damals geschaffen worden sei. Überhaupt seien die vielen Errungenschaften der Gründer des Freistaats in Vergessenheit geraten.

Überlebensfaktor Klimawandel

Auch wenn es die Klassengesellschaft nicht mehr gebe, sondern eine „nivellierte Berufsgesellschaft“: Die soziale Frage existiere immer noch, meint Well und die zeige sich auch zum Beispiel an der Wohnsituation in München. Viele Ideen aus der damaligen Zeit seien heute noch aktuell. Zu den sozialen Problemen komme nun aber auch die Umwelt dazu. „Wir werden unglaubliche Probleme und Schwierigkeiten kriegen, wenn wir nicht umsteuern in Sachen Klimapolitik“, glaubt Well. Der weltweite Klimawandel sei nicht nur der Armutsfaktor der Zukunft, sondern auch der entscheidende Überlebensfaktor. Es gehe nicht zuletzt darum, die Schöpfung zu bewahren. „Der Herrgott hat uns das doch nicht geschaffen, dass man’s dann mit einem Lebensstil, der unerträglich ist, verprasst und ruiniert.“ Ein bisschen Revoluzzer steckt noch immer in ihm. Und auch das ist für ihn ein Teil Bayerns: „Ich bin nicht anders, ich bin mit Volksmusik aufgewachsen, mit bäuerlichen Strukturen. Für mich ist das das richtige Bayern.“ (Thomas Stöppler)

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