Virtuelle Bibliothek für Pressefreiheit

Computerspiel ermöglicht Zugang zu zensierten Artikeln

Zensur wird im Internet wird immer mehr zum Problem. Die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ hat deshalb jetzt eine unzensierte Bibliothek eröffnet - im Spiel MINECRAFT.

Die unzensierte Bibliothek kämpft gegen Zensur. © Reporter ohne Grenzen

München – Weiße Flecken auf der Landkarte. Bei „Reporter ohne Grenzen“ bedeutet das etwas Gutes. Auf der Weltkarte, die die Organisation jedes Jahr veröffentlicht, sind die Länder weiß, in denen Journalisten weitgehend gefahrlos arbeiten können. Solche weißen Flecken werden aber immer seltener. Zensur wird ein immer größeres Problem - vor allem im Internet. Mitte März eröffnete „Reporter ohne Grenzen“ deshalb eine ganz besondere Bibliothek: Die „Uncensored Library“ - die „Unzensierte Bibliothek“. Ganz real ist sie aber nicht, denn sie steht in MINECRAFT, eine Art virtuellem Legospiel.  

Zugang trotz Zensur

Dort kann man einfach hineinspazieren. Benötigt wird lediglich das Spiel und die Serveradresse der Bibliothek. Dort stehen in den Regalen Artikel von Journalisten wie dem 2018 ermordeten Autoren Jamal Khashoggi oder von Yulia Berezovskaia, der Betreiberin einer in Russland verbotenen Nachrichtenplattform.

In der virtuellen Bibliothek können ihre Texte unzensiert veröffentlicht und vor allem auch in von Zensur betroffenen Ländern gelesen werden, erklärt Kristin Bässe, die für „Reporter ohne Grenzen“ für das Projekt verantwortlich ist. „Zum Beispiel in Russland oder Ägypten sind viele Webseiten per Gesetz gesperrt, aber MINECRAFT eben nicht, weil es von den Regierungen nicht als journalistisches Outlet wahrgenommen wird.“ Außerdem besteht das Spiel aus tausenden Servern, die auf der ganzen Welt verteil sind, weshalb es im Gegensatz zu einer einzelnen Internetadresse fast unmöglich zu sperren ist.  

Enorme Reichweite

Ein weiterer Grund, die „Uncensored Library“ gerade in der Block-Welt von MINECRAFT zu bauen, war dessen immense Popularität und Reichweite: Rund 145 Millionen Menschen spielen MINECRAFT jeden Monat. Das in seiner Einfachheit an Lego erinnerndes Spielprinzip hat es zum derzeit beliebtesten Spiel gemacht. Einzelne „Blöcke“ müssen zunächst gesammelt und dann zu neuen Objekten zusammengebaut werden.

Spielt man im  „Kreativmodus“ fällt das Sammeln weg und dem Spieler steht eine unbegrenzte Anzahl von „Blöcken“ als Baumaterial zur Verfügung. 12 Millionen solche „Blöcke“ verbaute ein 25-köpfiges internationales Team in einer mehrwöchigen Bauphase in der „Uncesored Library“. Aber nicht nur die Bibliothek, auch die journalistischen Artikel, um die es ja eigentlich geht, müssen auf diese Weise in das Spiel eingebaut werden. „Die Blöcke, auf denen die Bücher liegen, müssen aus einzelnen Rohstoffe erstellt werden und dort kann man dann die Texte hochladen“, erklärt Bässe. 

Ein aufwendiger Prozess, der zudem dadurch verkompliziert wird, dass in vielen Fällen die Identität der Autoren geschützt werden muss. Doch der Aufwand lohnt sich: Schon etwa 120.000 Menschen haben die Bibliothek in den ersten Wochen besucht. Vor allem ein junges Publikum lasse sich mit MINECRAFT erreichen, sagt Tobias Thiel, Politikwissenschaftler und Minecraft-Spezialist an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt. „Für Kinder und Jugendliche bietet diese Art von Weltsimulation ein Möglichkeit, mitzumachen und aus dem Spiel auch Dinge für unsere Welt abzuleiten.“

Einfache Annäherung an komplexe Themen

Als journalistisches Medium bietet MINECRAFT dabei neue Ansätze. „Wir haben eine Map gebaut, in der man als Journalist an Orte der Handyproduktion reisen kann“, erzählt Thiel. „Dort konnte man sich dann anschauen, unter welchen Bedingungen Kupfer und Zinn gefördert werden, was in einer Handyfabrik passiert oder wie die Situation auf Elektromüllhalden ist.“  

In MINECRAFT lassen sich diese Themen für junge Menschen ansprechend aufbereiten und zugleich viele Menschen erreichen. Ein Vorteil, den sich nun auch die „Uncensored Library“ zunutze macht. „Es ist wichtig darauf aufmerksam zu machen, dass vor allem auch im Internet immer mehr zensiert wird“, sagt Kristin Bässe von „Reporter ohne Grenzen“.

Welcher Ort könnte sich dafür besser eigenen als ein Internet-Spiel, das für unbegrenzte Möglichkeiten steht und gerade deshalb enorm populär ist? „So kann man vor allem junge Menschen, die sich vielleicht noch nie mit der Pressefreiheit beschäftigt haben, an das Thema heranführen“, sagt Bässe. Und das auch in Deutschland, einem der letzten weiß markierten Ländern auf der Weltkarte der Pressefreiheit.