Religion und Sexualität

Beziehungsstatus: Kompliziert

Egal ob Islam, Judentum oder Christentum – Religionen moralisieren das sexuelle Leben ihrer Gläubigen. Der Zeit angepasst haben sie sich kaum, erklärt Moraltheologe Christof Breitsameter.

"Die Welt hat sich weitergedreht."

München – Der wohl berühmteste Kirchenlehrer der Geschichte, Augustinus, hatte ein bewegtes Leben. Denn bevor der Gelehrte Bischof von Hippo wurde, hatte er eine wilde Zeit hinter sich – mit allen irdischen Freuden und sogar Konkubinen. Das gibt er in seinen "Confessiones", zu Deutsch "Bekenntnisse", ganz freimütig an mehreren Stellen zu. Doch für sich erkennt er den Irrweg der Fleischeslüste und fängt an, die Freuden und Versuchungen zu dämonisieren. Er legt im beginnenden 5. Jahrhundert nach Christus den Grundstein für die Sexualmoral, der der Kirche mehr als 1600 Jahre nach seinem Tod immer noch in großen Teilen folgt – zum Unverständnis vieler Menschen und Gläubigen. „Warum das so ist, ist eigentlich unerklärlich“, sagt Christof Breitsameter, Priester und Professor für Moraltheologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München. „Die ganze Welt hat sich weitergedreht und die Vorstellungen haben sich sehr verändert. Auch wenn Thomas von Aquin im Mittelalter zu einer positiven Bewertung sexueller Lust fand und die Haltung, die Augustinus einnahm, damit revidierte.“

Professor Christof Breitsameter von der LMU München
Professor Christof Breitsameter von der LMU München © privat

Treue war nicht wichtig

Doch das Christentum ist nicht die einzige Religion, die in Sachen Sexualmoral dem Zeitgeist hinterher zu hinken scheint. Bei Judentum und Islam ist das nicht anders, wenn auch in einzelnen Punkten anders ausgeprägt. „Das hat eine alte Wurzel. Denn frühe Gesellschaften waren immer daran interessiert, das Leben der Menschen zu normieren – weniger die Sexualität, als vielmehr die Ehe. Die war nämlich wichtig für die Reproduktion legitimer Nachkommen“, sagt Breitsameter. Werte und normative Vorstellungen galten in der Antike übrigens eher den Frauen, als den Männern. „Männer hatten dafür zu sorgen, dass Frauen keine sexuellen Beziehungen außerhalb der Ehe hatten. Den Männern war das schon gestattet. Die Kirche hat sich um das, was wir heute Treue nennen, eigentlich kaum gekümmert.“

Ein Punkt, der damit einhergeht: Indem die Ehe der Gläubigen mit Regeln versehen wird, verschaffen sich die Institutionen Einfluss auf das Leben der Gläubigen. „Wir dürfen das jetzt natürlich nicht moralisieren, denn wir müssen uns auch in das Leben und die Umstände dieser Zeit hineinfühlen“, sagt Professor Breitsameter, „aber wir können auf jeden Fall feststellen, dass die Normierung von sexuellen Akten den Einfluss der Kirche gemehrt hat.“ Im Islam oder Judentum funktioniert das auf ganz ähnliche Weise.

Bibel und Homosexualität

In Sachen Homosexualität lässt sich ebenfalls ein Wandel in der Zeit feststellen, sagt Christof Breitsameter. „Es gibt Dokumente und Zeugnisse, die belegen, dass der Homosexualität in der frühen Kirche nicht so viel Bedeutung beigemessen wurde, wie das heute der Fall ist.“ Das zeigten auch die neuesten Ergebnisse der Bibelforschung: „Homosexuelle Akte werden in der Bibel insofern thematisiert, als dass sie dem Ideal der Reproduktion von Nachkommen in der Ehe nicht entsprechen. Aber: Eine klare Verurteilung von Homosexualität gibt es nach neuesten Erkenntnissen in der Bibel nicht.“

Der Autor
Lukas Fleischman
Radio-Redaktion
l.fleischmann@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Kirche und Sexualität