Debatte um Organspende

Beide großen Kirchen lehnen die Widerspruchsregelung ab

Die Bischöfe haben "rechtliche, ethische und seelsorgliche Bedenken" gegenüber einem "quasi automatischen Zugriff" des Staates auf den Körper Verstorbener. Sie empfehlen Information und seelsorgliche Begleitung.

Die Kirchen wollen, dass die Organspende weiterhin eine freiwillige und bewusste Entscheidung bleibt.

Berlin – In großer Einmütigkeit haben sich die beiden großen Kirchen bei der Reform der Organspende gegen die Widerspruchslösung ausgesprochen. Und das, obwohl diese Regelung nach Überzeugung ihrer Befürworter dem chronischen Mangel an Spenderorganen in Deutschland abhelfen soll.

Jedenfalls erhoffen sich Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach als Träger der Gesetzesinitiative eine deutliche Steigerung der Zahl an Spenderorganen, wenn künftig bei jedem Toten automatisch Organe entnommen werden dürfen - sofern sich der Betroffene zu Lebzeiten nicht dagegen ausgesprochen hat. Am Donnerstag will der Bundestag darüber entscheiden.

Ethisch hoch brisant

Für die Kirchen ist das Thema ethisch hoch brisant. Gleich mehrere Bischöfe griffen es in ihrer Weihnachts- oder Neujahrspredigt auf. Und in einem gemeinsamen Schreiben wandten sich die Vertreter beider Kirchen im politischen Berlin vor Weihnachten an jeden einzelnen Abgeordneten, um die Vorbehalte gegenüber dem angestrebten Paradigmenwechsel zu erläutern.

Dabei hatten etwa Bundestagsvizepräsident Thomas Oppermann (SPD) und der frühere Arbeitsminister Norbert Blüm (CDU) die Widerspruchsregelung als "gesellschaftliches Bekenntnis zum Zusammenhalt, zur Solidarität und zur Nächstenliebe" gewürdigt; zumal jeder Einzelne im Falle einer Krankheit zu einem Empfänger eines Spenderorgans werden könne.

Akt der Nächstenliebe

Auch die Kirchen treibt die Sorge um die geringe Zahl an Spenderorganen um. Der für medizinethische Fragen zuständige katholische Bischof Gebhard Fürst betonte denn auch in einem Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA): "Die Organspende ist für viele Menschen die einzige Chance auf Lebensrettung oder Linderung einer ernsthaften Krankheit. Daher verdient sie aus christlicher Perspektive als Akt der Nächstenliebe und Solidarität über den Tod hinaus höchste Anerkennung."

Entsprechen lobend äußern sich die Kirchen über die hohe Zustimmung zur Organspende in der Bevölkerung. Sie befürchten allerdings, dass die Widerspruchsregelung gerade nicht geeignet ist, "die erfreulich hohe Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung in eine individuelle Organspendebereitschaft zu überführen" - zumal es auch nach wissenschaftlichen Studien Zweifel an einem Kausalzusammenhang zwischen der Regelung und einer erhöhten Organentnahme gebe. Der "quasi automatische Zugriff des Staates auf den Körper" drohe gerade jene weiter zu verunsichern, "die jetzt schon wenig Vertrauen in das System haben", warnte Fürst.

Die Freiheit und Würde des Einzelnen

Die Kirchen haben grundsätzliche "rechtliche, ethische und seelsorgliche Bedenken", wie sie im Schreiben an die Abgeordneten betonen. Denn der Staat würde mit der Widerspruchsregelung "tief in den Kernbereich der menschlichen Existenz und Würde eingreifen", heißt es in dem Schreiben. "Das entspräche nicht unserem christlichen Bild des selbstbestimmten, aufgeklärten Menschen". Erstmals würde mit ihr die im deutschen Medizinrecht immer geforderte informierte und explizite Einwilligung des Patienten zu einem Eingriff ersetzt - und das in einem besonders sensiblen Bereich.

Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, forderte, dass die Organspende ein freier Akt der Nächstenliebe bleiben müsse. Die Freiheit und Würde des Einzelnen seien die "absolute Grenze" auch gegenüber Ansprüchen des Gemeinwohls, so Marx. "Der Körper ist nicht ein Ersatzteillager, sondern hat seine eigene Würde." Dabei verweisen die Kirchen zugleich darauf, dass die Organspende nicht nur den toten Körper betrifft. Die Entscheidung zur Spende beeinflusse wegen der notwendigen intensivmedizinischen Maßnahmen "grundlegend den Sterbeprozess und das Abschiednehmen für die Angehörigen".

Den besten Weg für eine Steigerung der Organspendebereitschaft sehen die Kirchen deshalb in der Entscheidungslösung, die an der derzeit gültigen persönlichen Zustimmung des Patienten zur Organentnahme festhält. Wenn die für alle Beteiligten schwierige Situation "gut begleitet und in Respekt vor den Wünschen und der Selbstbestimmung des potenziellen Organspenders gestaltet wird", könne sie auch zu "einer guten Lebenserfahrung werden und Vertrauen stiften". (kna)