Gespräch über den Glauben

Beatrice von Weizsäcker: Mit Gott per Du

Beatrice von Weizsäcker ist eine in vielerlei Hinsicht interessante Persönlichkeit: Sie ist Juristin, Journalistin, Buchautorin und seit Kurzem auch Katholikin. Zuvor war sie jahrelang im Präsidium des Evangelischen Kirchentags engagiert.

Beatrice von Weizsäcker ist seit Kurzem Katholikin. © Kiderle

Normalerweise habe ich eine Liste mit vorbereiteten Fragen dabei, wenn ich mich für unsere Reihe „Über Gott und die Welt“ mit einer Persönlichkeit treffe. Nicht so bei Beatrice von Weizsäcker. Ich hatte gerade ihr Buch „Haltepunkte. Gott ist seltsam, und das ist gut.“ gelesen und war vom unkonventionellen Schreibstil derart beeindruckt, dass schnell klar war: Das wird anders. Kein gewöhnliches Interview, kein Abarbeiten von Fragen, sondern einfach Begegnung. Und schauen, was passiert. Als Ort für unser Gespräch wünschte sich die Autorin das Benediktinerkloster St. Ottilien in der schönen Ammersee-Gegend, das sie erst vor wenigen Jahren im Zuge von Exerzitien für sich entdeckt hat.

Ein Buch, das aus der Reihe tanzt

Bei der gemeinsamen Fahrt dorthin sprechen wir über ihr Buch, das sie mit dem befreundeten evangelischen Münchner Pastor Norbert Roth geschrieben hat. Es ist ein persönliches Glaubensbuch, in dem von Weizsäcker existenzielle Fragen und Nöte aus dem unmittelbaren eigenen Erleben heraus ins Wort bringt. „Eine Mischung aus Suchen und Ahnen“, nennt sie ihre Herangehensweise. Es sind keine zurechtgeschliffenen theologischen Thesen, sondern eher intuitive Gedanken, die sich wie im natürlichen Fluss aneinanderreihen – und berühren.

Wenn von Weizsäcker beschreibt, wie ihr beim Spaziergang durch St. Ottilien die Unergründlichkeit der Dinge klar wird, liest sich das zum Beispiel so: „Schritt – Atemzug – Gegenwart. Einatmen, lauschen. Ausatmen, staunen. Nichts müssen. Nichts wollen. Nichts wollen müssen. Nichts müssen wollen. Nichts wissen wollen, nichts wissen müssen. Nichts ergründen, nichts verstehen, schon gar nicht mich selbst. Nicht mehr reden. Nichts mehr denken. Nur schweigen, spüren, hören. Einatmen – ausatmen – aufatmen. Und sich beten lassen.“

Engagement beim Evangelischen Kirchentag

Die ausgebildete Juristin hat viel zu erzählen, allein schon aus ihrem ereignisreichen Lebenslauf. Nach einer Kindheit und Jugendzeit „in völliger geistiger Freiheit“ in prominentem Elternhaus – ihr Vater Richard war von 1984 bis 1994 Bundespräsident – gelangte sie über berufliche Stationen im Bonner und Berliner Politik- und Medienbetrieb nach München, wo sie sesshaft geworden ist. Zwei Brüder hat sie verloren: Andreas starb 2008 an Krebs, Fritz wurde 2019 ermordet. Sie war zwölf Jahre lang Mitglied im Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentags – und konvertierte 2020 zum Katholizismus.

In St. Ottilien steuern wir als Erstes die Klosterkirche an, wo von Weizsäcker im Vorraum zwei Kerzen für ihre Brüder anzündet. Dann erkunden wir in aller Ruhe die Kirche, wo mir meine Gesprächspartnerin flüsternd verrät, wie sehr sie es schätzt, dass am Hochaltar der auferstandene und nicht der gekreuzigte Christus die auffälligere Darstellung ist. In der Unterkirche halten wir vor einer Marienfigur inne. „Ich bin ein großer Mary-Fan“, sagt von Weizsäcker lächelnd. Dass sie den englischen Namen verwendet, drückt eine Art zärtlicher Verehrung aus. „An Maria ist so faszinierend, dass sie Ja gesagt hat. Sie hatte die Wahl. Und sie hat in freudiger Erregung, nicht aus Gehorsam Ja gesagt. In einem Vertrauen, von dem man noch nicht weiß, wohin es einen führt.“

Unverkrampfte Annäherung an Gott

Als wir dann durchs Klosterdorf und mit Alpenblick durch die umliegende Herbstlandschaft spazieren, kristallisieren sich im Gespräch zwei Dimensionen in Beatrice von Weizsäckers Spiritualität heraus. Das eine ist ein – auch sprachlich – unverkrampfter Umgang auf Augenhöhe mit dem Göttlichen: „Ich finde es so cool an Gott, dass er ein Geheimnis ist“, sagt sie an einer Stelle. Und an einer anderen, mit Blick auf die Zumutungen des menschlichen Lebens: „Das Gute an Jesus ist: Er kennt ja den ganzen Mist.“ Freimütig räumt sie auch ein, dass sie hin und wieder mit Jesus schimpft. Und weiß heute noch nicht so genau, warum sie 2019, als sie vom gewaltsamen Tod ihres Bruders Fritz schlimm getroffen war, „nicht mit Gott Schluss gemacht habe“.

Die andere Dimension ist die Unergründbarkeit Gottes, die von Weizsäcker tief fasziniert. Nicht zufällig hat sie ihrem Buch den Augustinus-Spruch „Was du begreifst, ist nicht Gott“ wie ein Motto vorangestellt. Und kreist immer wieder suchend, ahnend, um die unfassbare göttliche Wirklichkeit – „ein Geschenk, das man nie ganz auspacken kann“.

Mystische Glaubenserfahrung

Dass sie erst kürzlich, nach langen Jahren des Engagements beim Evangelischen Kirchentag, katholisch geworden ist, ist freilich interessant, und auch, dass sie die starke Gemeinschaft in ihrer Münchner Pfarrei Christkönig, die Sinnlichkeit in der Liturgie und die Rituale als ihre katholischen Zugewinne nennt. Aber spannender noch finde ich die mystische – und damit vielleicht überkonfessionelle – Glaubenserfahrung, die sich aus ihren Worten nachvollziehen lässt. Mit Gott wie ein alter Freund auf Du und Du sein, dann wieder angesichts des größten aller Geheimnisse stammelnd um Worte ringen; von Schicksalsschlägen schwer verwundet werden, dann wieder energisch, aufrecht und heiter durchs Leben gehen – es ist ein intensives Glaubensleben, voller Fragen und voller Staunen. (Joachim Burghardt, Redakteur der Münchner Kirchenzeitung)

Buchtipp

Haltepunkte - Gott ist seltsam, und das ist gut

In »Haltepunkte« schreiben die Juristin Beatrice von Weizsäcker und der Theologe und Pfarrer Norbert Roth über die Orte, an denen sie Gott neu und anders erfahren haben: Berlin, Jerusalem, Heiligenkreuz, St. Ottilien und nicht zuletzt München, auch auf dem Oktoberfest. Es geht um Leid, Glück, Stille, Sehnsucht, Schuld und Tod, aber auch Themen wie Sterbehilfe und Konfessionsunterschiede. Ein Buch über die Gottsuche im Lärm und in der Stille.

22 € inkl. MwSt.

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