Impuls von Pater Andreas Batlogg

Barmherzigkeit ist ein Lebensstil

Wie sie mit Schuld und Versagen umgingen – auch daran könne man Christen erkennen, meint Pater Andreas Batlogg. Warum Barmherzigkeit für die Kirche so wichtig ist, verrät der Jesuit hier.

„Der Tragebalken, der das Leben der Kirche stützt, ist die Barmherzigkeit“, schreibt Papst Franziskus in der Verkündigungsbulle „Misericordia vultus“.

Wie viel Barmherzigkeit verdiene ich? Womit darf ich rechnen? Ist Barmherzigkeit grenzenlos? Gegenüber Jesuiten machte Papst Franziskus deutlich, dass Barmherzigkeit „kein abstraktes Wort ist, sondern ein Lebensstil, der vor das Wort die konkreten Gesten stellt“. Damit erübrigten sich alle Spekulationen, ob mit dem Ende des Jahres der Barmherzigkeit auch ein Mandat ausgelaufen sei.

In der Verkündigungsbulle „Misericordia vultus“ (April 2015) hatte Franziskus geschrieben: „Der Tragebalken, der das Leben der Kirche stützt, ist die Barmherzigkeit. Ihr gesamtes pastorales Handeln sollte umgeben sein von der Zärtlichkeit, mit der sie sich an die Gläubigen wendet; ihre Verkündigung und ihr Zeugnis gegenüber der Welt können nicht ohne Barmherzigkeit geschehen.“ Wohlgemerkt: Nicht Dogmatik oder Kirchenrecht bilden das Fundament, sondern: Barmherzigkeit.

Wie wir mit Schuld und Versagen umgehen – auch daran kann man Christen erkennen. Bestimmen uns Rache und Ressentiments oder das Evangelium? Dass dieses verraten wurde, dass selbst Bischöfe und Kardinäle sich in Sachen Missbrauch schuldig gemacht haben, drückt schwer. Barmherzigkeit und Gerechtigkeit schließen einander aber nicht aus.

Die Begegnung Jesu mit der Ehebrecherin (Joh 8,1–11) findet bei Franziskus oft Erwähnung. In dem Schreiben „Amoris laetitia“ (März 2016) gleich drei Mal. Es hat wie kein zweiter päpstlicher Text seit „Humanae vitae“ (1968) Widerspruch ausgelöst. Interessant die Beobachtung: „Wir verbrauchen die pastoralen Energien, indem wir den Angriff auf die verfallende Welt verdoppeln und wenig vorsorgende Fähigkeit beweisen, um Wege des Glücks aufzuzeigen. Viele haben nicht das Gefühl, dass die Botschaft der Kirche über Ehe und Familie immer ein deutlicher Abglanz der Predigt und des Verhaltens Jesu gewesen ist, der zwar ein anspruchsvolles Ideal vorgeschlagen, zugleich aber niemals die mitfühlende Nähe zu den Schwachen wie der Samariterin und der Ehebrecherin verloren hat.“

Pater Andreas Batlogg SJ ist Seelsorger an der Jesuitenkirche St. Michael in München und war bis 2017 Chefredakteur der „Stimmen der Zeit“.
Pater Andreas Batlogg SJ ist Seelsorger an der Jesuitenkirche St. Michael in München und war bis 2017 Chefredakteur der „Stimmen der Zeit“. © Christian Ender

Beichtstühle sollen "keine Folterkammer" sein

In „Misera et misericordia“ (November 2016) zum Abschluss des Außerordentlichen Heiligen Jahres geht Franziskus ebenfalls auf die Stelle ein. Geschlossen werde nur die Heilige Pforte: „Aber die Pforte der Barmherzigkeit unseres Herzens bleibt immer weit geöffnet.“ Deswegen sollen Beichtstühle „keine Folterkammern“ sein. Dahinter steckt eine Erfahrung: Menschen, die um Vergebung bitten, wurden niedergemacht oder gedemütigt, manchmal auf Jahre hinaus traumatisiert.

Menschliche Lebensgeschichten, auch Glaubensgeschichten, sind immer auch brüchig. Franziskus lädt die Kirche dazu ein, nicht „nur moralische Gesetze anzuwenden, als seien es Felsblöcke, die man auf das Leben von Menschen wirft“. Wir sollen die Erfahrung von Barmherzigkeit machen können.