Lebendige Geschichte in Sankt Ottilien

Als das Kloster jüdisches Krankenhaus war

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde ein katholisches Kloster zum Krankenhaus und zum ersten Zuhause für Juden, die den Holocaust überlebt hatten. An dieses Kapitel ihrer Geschichte erinnert die Erzabtei Sankt Ottilien heuer mit verschiedenen Veranstaltungen.

Das Kloster Sankt Ottilien wurde zum jüdischen Krankenhaus.

Ottilien – „In der Klostergeschichte galt diese Zeit immer als verlorene Zeit, als Zeit, in der die Mönche aus dem Kloster vertrieben worden waren,“ erläutert Pater Cyrill Schäfer. Er hatte Mitte der neunziger Jahre einige Male Besucher auf dem Klostergelände beobachtet, die umherirrten und etwas hilflos aussahen. Da er ein ziemlich neugieriger Mensch ist, hat er sie angesprochen. Es stellte sich heraus, dass sie Juden waren, die hier geboren waren oder Nachfahren von ehemaligen KZ-Gefangenen, die zwischen 1945 und 1948 hier gelebt hatten. „Displaced Persons“ wurden die Menschen genannt, die nach dem Krieg keine Heimat mehr hatten. Mehrere Tausend Patienten aus den Konzentrationslagern der Umgebung wurden hier behandelt.

Aber es passierte weit mehr als das: Jüdisches Leben konnte wieder stattfinden. Es gab ein Orchester, eine Selbstverwaltung, eine Küche mit koscherem Essen und sogar ein Talmud wurde in dem katholischen Kloster gedruckt. Das Thema hat Pater Cyrill nicht mehr losgelassen und er hat die Forschung darüber vorangetrieben, zusammen mit dem Jüdischen Museum in München und mit der Abteilung für Jüdische Geschichte und Kultur am Historischen Seminar der Ludwig-Maximilians-Universität München. Jetzt kann man über das Klostergelände spazieren und findet auf Tafeln Informationen zu den historischen Stätten. Zum Beispiel vor dem Ottilienheim: Dort war die Geburtsstation, wo mehr als 400 jüdische Kinder das Licht der Welt erblickten.

Im Foyer des jüdischen Museums in München ist noch bis Mitte September ein Installation mit Arbeiten des Berliner Fotografen Benyamin Reich zu sehen. Zeitgleich zeigt das Kloster selbst eine Ausstellung und bietet einen markierten Rundgang durch das Klosterdorf an. An den historischen Orten erläutern Tafeln die Ereignisse. Am 23. September wird es ein Benefizkonzert in der Klosterkirche geben - in Erinnerung an das Liberation Concert. Es spielt Anne-Sophie Mutter mit dem Orchester der Buchmann-Mehta School of Music in Tel Aviv unter der Leitung von Maestro Zubin Mehta.

"Zachor" (Erinnerung) heißt die Stiftung, die Ben Lesser ins Leben gerufen hat.
"Zachor" (Erinnerung) heißt die Stiftung, die Ben Lesser ins Leben gerufen hat. © SMB/Strauß-Richters

Im Juni wurden die Forschungsergebnisse in einem Symposium zusammengetragen. Eigens dazu angereist ist auch der inzwischen fast 90-jährige Ben Lesser. Er war einer von 3.000 Menschen, die im KZ Buchenwald in einen Zug gepfercht und drei Wochen lang planlos durch Deutschland gefahren wurden, fast ohne Essen und Trinken. Wenige Tage vor Kriegsende erreichte der Zug Dachau. Nur 18 Menschen hatten überlebt.

„Wir stiegen aus dem Zug und das erste, was wir sahen, war ein Berg Skelette, die wie Baumstämme aufgeschichtet vor dem Krematorium lagen. Sie brachten uns in eine Baracke gleich neben dem Krematorium. Wir schliefen auf dem Boden. Einige der Gefangenen gaben uns von dem wenigen Essen, das sie hatten, etwas ab. So lagen wir drei Tage auf dem Boden. Dann hörten wir plötzlich die Menschen rufen: Befreiung, Befreiung. Die Amerikaner kommen. Alle gingen hinaus. Wir konnten kaum gehen, aber wir haben uns gegenseitig geholfen. Einer von den Soldaten gab uns eine Büchse Fleisch, die er auf dem Gelände gefunden hatte. Aber mein Cousin und ich wurden sehr krank davon und mein Cousin ist noch in derselben Nacht in meinen Armen gestorben. Als sie ihn wegnahmen, wollte ich hinterhergehen, um zu sehen, wo sie ihn hinbringen. Als ich aufstand, gaben meine Knie nach und ich brach zusammen. Einige Leute haben mich hochgehoben und in eine Ecke gelegt.

Einen Tag später kam ein Jesuitenpater, der mit einigen Nonnen ein Lazarett eröffnet hatte. Er hob mich hoch wie einen Sack Knochen – der ich war, denn ich wog 65 Pfund (zirka 30 Kilogramm) und ich war 16 Jahre alt. Er trug mich zum Krankenhaus. Dort wurde ich untersucht und auf eine Liege gelegt. Das ist das Letzte, woran ich mich erinnere. Ich muss ohnmächtig geworden sein. Später hat man mir erzählt, dass ich zwei Monate im Koma gelegen habe. Ich erinnere mich, wie ich wach wurde und ich fand mich in einem schönen Bett wieder mit weißen Laken und einem Kopfkissen. Eine Nonne kam zu mir und lächelte mich an. Sie brachte mir einen Spiegel und ich sah einen ziemlich gutaussehenden jungen Mann. Sie hatten mich künstlich ernährt und ich hatte wieder zugenommen. Dann fand ich heraus, dass der Ort Sankt Ottilien heißt und ich in einem Kloster in Bayern bin. Ich verdanke mein Leben Sankt Ottilien. Hier hat man mich ins Leben zurück gepflegt. Wann immer ich diesen Namen höre, fange ich fast an zu weinen. Wenn ich gestorben wäre, hätte niemand das erfahren. Aber diese Leute wollten, dass ich lebe.“

Ein längeres Gespräch mit Ben Lesser führte Brigitte Strauß-Richters mit ihm für die Sendung "Hauptsache Mensch" des Münchner Kirchenradios. Den Podcast zu der Spezial-Ausgabe finden Sie hier.

Ben Lesser vor dem Exerzitienhaus in Sankt Ottilien. Hier war das Krankenzimmer, in dem er nach zweimonatigem Koma aufwachte.
Ben Lesser vor dem Exerzitienhaus in Sankt Ottilien. Hier war das Krankenzimmer, in dem er nach zweimonatigem Koma aufwachte. © SMB/Strauß-Richters

Neue Generation: Zeichen der Hoffnung

Ben Lesser schloss sich der zionistischen Bewegung an und wurde auserwählt, mit der ersten Gruppe nach Palästina zu fahren. Dazu musste er in den Untergrund gehen und er verließ das Kloster. Kurz bevor es losgehen sollte, erkrankte ein Mädchen aus der Gruppe. Rachel wurde ins Krankenhaus in Sankt Ottilien gebracht. Er besuchte sie dort. „Ich saß auf ihrem Bett und redete mit ihr. Im Nachbarbett lag eine Frau, die einen Fuß in der Schlinge hatte. Ich habe diese Frau nicht weiter beachtet. Als ich ging, fragte sie Rachel: wer war dieser gutaussehende Mann mit den welligen schwarzen Haaren? Er erinnert mich so an meine Brüder. Hast du zufällig ein Foto von ihm? Rachel hatte ein Foto von den zehn Leuten, die nach Palästina fahren sollten. Lola zeigte auf mich und schrie und weinte: das ist mein Bruder. Er lebt, er lebt. Ihr Mann, der in einem Nebenzimmer war, hörte sie schreien. Er rannte zu ihr sie fleht ihn an: du musst meinen Bruder zurück bringen. Aber sie wussten nicht, wo ich war, weil wir im Untergrund agierten. Rachel erinnerte sich, dass ich nach Frankfurt am Main reisen sollte. Von dort aus sollte es weiter nach Marseille gehen und dort auf das Schiff. Meiner Schwester und mein Schwager schickten einen Cousin von uns los, um mich zu suchen. Er sollte mir erzählen, dass meine Schwester Lola lebt, aber sterbend im Krankenhaus liegt. Und ihr letzter Wunsch sei es, ihren Bruder noch einmal zu sehen. Das ist der einzige Weg, mich zurück zu holen, meinte meine Schwester. Der Cousin fand mich tatsächlich und er erzählte mir, was Lola ihm aufgetragen hatte.

Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich war hin und hergerissen. Am nächsten Morgen sollten wir nach Marseille weiterreisen. Aber ich musste doch meine Schwester sehen. Die ganze Nacht lang habe ich nachgedacht und am Morgen habe ich beschlossen, die Gruppe zu verlassen. Ich wurde behandelt wie ein Deserteur. In Sankt Ottilien angekommen, umarmten und küssten Lola und ich uns und wir waren überglücklich. Dann erst sah ich, dass meine Schwester schwanger war und erkannte, dass sie nicht sterben würde. Ich schwankte zwischen Zorn und Glück. Es hatte mich verletzt, meine Freunde, die nach Israel wollten, zu verlassen. Aber das Leben hatte sich geändert. Meine Schwester hat in Landsberg einen Jungen geboren. Der erste kleine Junge, der von einer Überlebenden geboren wurde. Und ich hatte einen Neffen. Eine neue Generation. Ein Zeichen der Hoffnung." Ben Lesser wanderte später in die USA aus, heiratete und ist heute Vater zweier Töchter.

Die Autorin
Brigitte Strauß-Richters
Radio-Redaktion
b.strauss-richters@st-michaelsbund.de